Ukrainekrieg: Deutschlands Energiepolitik vor dem Scherbenhaufen

Die Perspektiven für Deutschland auf dem Energiesektor sind für die nächsten Monate und Jahre wenig ermutigend. Ein Meinungsbeitrag.

Die Party ist vorbei: Günstige fossile Energie wird es so schnell nicht mehr geben. (Foto: Pixabay)
Die Party ist vorbei: Günstige fossile Energie wird es so schnell nicht mehr geben. (Foto: Pixabay)
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Claus Bünnagel

Es lief ja so schön: Russland lieferte günstiges Öl und Erdgas, Deutschland bezahlte. Nun, so ist es im Leben, vieles läuft, bis es eben nicht mehr läuft. Die wenigen warnenden Stimmen über Jahrzehnte, sich in totale Abhängigkeit eines unsicheren Kandidaten zu begeben, wurden als Schwarzmaler oder Kassandrarufer gebrandmarkt. Gleichzeitig hat aber diese Energiepolitik Deutschlands und anderer europäischer Staaten Russland mit den Devisen versorgt, um es – auch mit deutscher Militärtechnik – hochzurüsten und stark zu machen für ein militärisches und imperialistisches Abenteuer wie den jetzigen Ukrainekrieg.

Zubau eingeschlafen

Dabei hätte die Geschichte relativ problemlos auch anders geschrieben werden können. Wenn man vor allem den Ausbaupfad der Erneuerbaren Energien in Deutschland weiter beschritten hätte. In den Jahren 2011 und 2012 lag der Zubau bei fast 11 GWp. Danach sank er – vor allem aufgrund erfolgreicher Lobbyarbeit u.a. von Seiten der Energiewirtschaft und einer ambitionslosen Energiepolitik der Merkel-Regierung – auf teilweise nur noch 5 bis 6 GWp pro Jahr. Hätte man den Zubau vor zehn Jahren gehalten oder noch leicht ausgebaut, könnte man heute nicht rund 145 GWp installierte regenerative Leistung zurückgreifen, sondern womöglich auf rund 240 GWp und befände sich schon nahe der 80-Prozent-Marke von Erneuerbaren Energien an der Bruttostromerzeugung – ebenjener Schwelle, wo nach Expertenmeinung die meiste Zeit im Jahr genug Strom im Netz ist, um parallel per Elektrolyse kostengünstig Wasserstoff zu erzeugen für Wärmeerzeugung oder den Straßenverkehr. Stattdessen stagniert der Anteil Erneuerbarer Energien im Wärmesektor seit acht Jahren bei rund 14 bis 15 Prozent, im Verkehrsbereich liegt er bei kümmerlichen 7,5 % (Zahlen von 2020; Quelle: Arbeitsgruppe Erneuerbare Energien). Lesen Sie mehr über die schwerwiegenden Verfehlungen der deutschen Energie- und Verkehrspolitik in meinem im Dezember 2020 erschienenen Fachbuch "Mit Vollgas in die Klimakatastrophe? Die Energie- und Verkehrswende als Chance".

Fatale Abhängigkeit

Nun, es ist aus eigenem Verschulden anders gekommen. Die Abhängigkeit Deutschlands von russischem Gas ist hoch, der Anteil am Gesamtimport liegt bei 55 Prozent. Beim Öl aus russischen Quellen beträgt dieser 35 Prozent. Man wird sich kurzfristig und vermehrt nach anderen Quellen umschauen müssen, allerdings sind die Alternativen nicht unbedingt ermutigend: extrem klima- und umweltschädliches Erdgas und Erdöl per Fracking bzw. aus Ölsanden gewonnen aus Kanada und den USA, Mineralölprodukte aus Krisenländern wie Venezuela und Libyen oder von extremistischen und nationalistischen Regimen wie im Iran oder Saudi-Arabien. Es droht aktuell sogar die Gefahr, dass die Erdgas- und Ölspeicher gerade in Richtung des nächsten Winters nicht mehr ausreichend gefüllt werden können und die Heizungen kalt bleiben oder Fahrzeuge stehenbleiben müssen – ein Extremszenario sicher, aber nicht vollkommen ausgeschlossen.

Die veränderte Situation wird auch die deutsche Transportbranche zu spüren bekommen. Denn die Preise für Treibstoff werden unweigerlich und deutlich steigen. Ein Grund mehr, so schnell wie möglich Flotten auf batterieelektrische Antriebe umzustellen, denn die Strombereitstellung in Deutschlands ist derzeit die einzige zuverlässige Größe in der deutschen Energieversorgung.

Das Rumgeeiere geht weiter

Leider hat die verfehlte Energiepolitik weiterhin große Auswirkung auf das Handeln von Deutschland und damit Europa. Wie man derzeit hört, blockieren vor allem Deutschland und Italien, eben die Länder, die in Europa am stärksten von Gaslieferungen aus Russland abhängig sind, härtere Sanktionen der EU gegen Russland, weil sie Vergeltungsmaßnahmen Russlands fürchten und somit um ihre Versorgungssicherheit bangen. Vor allem würden funktionale Sanktionen im Ausschluss vom Swift-Zahlungsverkehr bestehen. Das würde Putin zwar nicht kurzfristig, aber mittel- bis langfristig stoppen, weil es seine finanziellen Spielräume einschränkt. Zudem würde dieses entschlossene Auftreten dem russischen Präsidenten klar machen, dass er zu weit gegangen ist. So wird es vorerst nicht dazu kommen, was Putin bestärken und zu weiteren Überfällen ermuntern könnte auf die Ex-Gebiete der Sowjetunion, die er als Einflusszone Russlands ansieht, z.B. die Kaukasusstaaten und Kasachstan.