Bayerns H2-Offensive: Söders Wunschtraum vom grünen Wasserstoff

Dritter Schritt vor dem ersten: Die Staatregierung sucht mit einem Millioneninvest ihr Heil in grünem Wasserstoff, auch in der Mobilität, und vergisst, dass man doppelt so viel regenerative Energie einsetzt, wie man erhält. Deren Ausbau hat der Freistaat mit der Windkraftblockade verschleppt. Bayern baut Luftschlösser, finden Kritiker.  

Luftschlösser aus Wasserstoff in Wunsiedel: Die Anlage, die gemeinsam mit Siemens errichtet wurde, soll grünen Wasserstoff vornehmlich für die Glas- und Keramikindustrie und die Produktion liefern. Ob von dem kostbaren Energieträger etwas für die Auto-Mobilität übrigbleibt, ist höchst fraglich. | Foto: Siemens
Luftschlösser aus Wasserstoff in Wunsiedel: Die Anlage, die gemeinsam mit Siemens errichtet wurde, soll grünen Wasserstoff vornehmlich für die Glas- und Keramikindustrie und die Produktion liefern. Ob von dem kostbaren Energieträger etwas für die Auto-Mobilität übrigbleibt, ist höchst fraglich. | Foto: Siemens
Redaktion (allg.)
(erschienen bei VISION mobility von Johannes Reichel)

Die bayerische Staatsregierung setzt massiv auf "grünen Wasserstoff" als alternative zu fossilen Kraftstoffen und hat eine Investition von 500 Millionen Euro inklusiv Aufbau eines Netzes von Elektrolyseuren angekündigt. In letzteres sollen 150 Millionen Euro fließen, um bayernweit 50 dieser Anlagen zu errichten, eine Pilotanlage wurde im Juli 2021 gemeinsam mit Siemens im oberfränkischen Wunsiedel für 20 Millionen Euro errichtet. Diese soll zunächst 440 Tonnen, später mal 1.350 Tonnen Wasserstoff im Jahr produzieren. Ersters entspräche 14,7 Millionen Kilowattstunden oder der Verbrauch von 4.800 Drei-Personen-Haushalten, wie die Süddeutsche Zeitung vorrechnet. Ob sich der Freistaat da mal nicht verrechnet? So könnte man jede der 50 Anlagen mit drei Millionen Euro fördern, wobei die Wunsiedler Anlage vom Bund mit zwölf Millionen Euro gefördert worden war.

Die Staatsregierung hegt wohl die Hoffnung, dass man grünen Wasserstoff eben auch in der Mobilität einsetzen kann, für Pkw, Lastwagen, Flugzeuge und Schiffe. Darauf setzt auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sowie sein Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler), der die Wasserstoffstrategie 2019 initiiert hatte. Bayern betreibt auch ein eigenes "Zentrum Wasserstoff.Bayern" sowie ein Wasserstoffbündnis mit fast 300 Partnern auf Wirtschaft, Forschung und Verbänden. Der in Wunsiedel produzierte "grüne Wasserstoff" ist vor allem für Industrie- und Gewerbebetriebe in der Region vorgesehen, speziell die Glas- und Keramikindustrie verschlingt viel Energie. Aber auch Transportunternehmen und Autozulieferer sollen davon profitieren. Viel mehr dürfte aber nicht drin sein.

"Wenn Ministerpräsident Markus Söder und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger den Eindruck erwecken wollen, die Probleme bei der Energiewende und beim Klimaschutz in Bayern ließen sich mit grünem Wasserstoff lösen, dann lenken sie von ihren politischen Versäumnissen ab", kritisiert der Energieexperte des Bund Naturschutz in Bayern Michael Remy.

Er hält es zwar für sinnvoll, dass es die ein oder andere Pilotanlage gebe und über Wasserstoff geforscht werde, verweist aber auf die mäßige Energiebilanz des alternativen Energieträgers. Bei den aktuell gängigen Großanlagen brauche es doppelt so viel Strom für die Herstellung, als die Anlagen anschließend lieferten. Dafür benötige man erstmal genug regenerativen Strom, den es in Bayern aber wegen der jahrelangen Blockade des Windkraftausbaus durch die Staatsregierung nicht gibt. Der Preis für Wasserstoff sei zudem nun mal an den Strompreis gekoppelt, steige entsprechend. Umso sorgsamer sollte man damit umgehen, meint Remy.

"Man wird ihn überall einsetzen, wo erneuerbarer Strom nicht funktioniert, zum Beispiel im Schiffsverkehr und in der Fliegerei, wo Batterien viel zu schwer sind. Aber für den normalen Pkw- und Lkw-Verkehr ist grüner Wasserstoff auch auf lange Frist keine Alternative, auch nicht für das Beheizen von Wohnungen. Da bleiben Strom aus Wind und Sonne und die Geothermie erste Wahl", erklärt Remy weiter.

Auch für energieintensive Produktionen, wie in Wunsiedel vorgesehen, sei der Einsatz plausibel. Ebenso für die Chemieindustrie zur Dekarbonisierung. Essentiell sei daher so oder so der Ausbau der erneuerbaren Energien im Freistaat. Die grüne Opposition im Landtag sieht das auch so und hält Elektrolyseure an Netzknotenpunkten für sinnvoll, wo viel Strom verfügbar ist oder an Pipelines in die Industriezentren wie das Chemiedreieck im Südosten. Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann wirft Söder vor, den "dritten Schritt vor dem ersten" zu tun. Man müsse erstmals ins "Überangebot von sauberem Strom kommen", mahnt der Oppositionspolitiker.

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