DRV: Fehlende durchdachte Teststrategie verunsichert Reisende

Fatal für die Reisewirtschaft sei laut dem Reiseverband, dass das Bundeskabinett eine Verlängerung der weltweiten Reisewarnung beschlossen habe.

Die Bundesregierung sollte laut DRV prüfen, ob kostengünstige Schnelltests nicht stärker zur Anwendung bei Ein- und Ausreisen eingesetzt werden können. (Foto: Pixabay/geralt)
Die Bundesregierung sollte laut DRV prüfen, ob kostengünstige Schnelltests nicht stärker zur Anwendung bei Ein- und Ausreisen eingesetzt werden können. (Foto: Pixabay/geralt)
Claus Bünnagel

Die Entscheidung des Bundeskabinetts, die weltweite Reisewarnung zu verlängern, ist laut DRV ein falsches Signal. 

Die Bundesregierung vernachlässigt Fakten und verengt ein komplexes Problem auf Reiserückkehrer. (DRV-Präsident Norbert Fiebig) 

Zugleich fehle der Bundesregierung ein durchdachtes Konzept bei den Tests für Reiserückkehrern. Erst habe sie vor wenigen Wochen Massentests für alle Reiserückkehrer aus Risikogebieten beschlossen, dann konstatieren Regierung müssen, dass die Testkapazitäten dafür nicht ausreichen. 

Dem politischen Zickzackkurs fehlt es an Klarheit und Verlässlichkeit. Damit verwirrt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Urlauber. (Fiebig) 

Und jetzt untersage die Bundesregierung mit der erneut verlängerten Reisewarnung de facto Reiseveranstaltern, Reisebüros und vielen touristischen Dienstleistern die Berufsausübung. In der politischen Debatte sei zwischenzeitlich der Eindruck entstanden, dass vor allem Reiserückkehrer für den Anstieg der Fälle verantwortlich seien. Das sei aus mehreren Gründen eine unzulässige Verengung der Debatte, die Fakten vernachlässigt, kritisiert der Reiseverband.

Keine größere Gefahr durch Pauschalreisen

Das RKI habe die Risikogebiete, auf die eine erhöhte Anzahl an Infektionen zurückzuführen ist, identifiziert. Es seien u.a. das Kosovo, Serbien und Bosnien. Nicht klassische Pauschalurlauber seien also für einen Anstieg verantwortlich, sondern Reisende, die in diesen Gebieten in der Regel Familie, Verwandte und Freunde besuchten. Die bisherige Teststrategie der Bundesregierung und etwaige Quarantäneregeln reflektierten dies nicht ausreichend. Stattdessen ließe die Bundesregierung den Eindruck zu, der Finca-Urlaub auf Mallorca sei höchst gefährlich und Reisen ins Ausland könnten moralisch verwerflich sein. Dies reduziere ein komplexes Problem pauschal auf Reiserückkehrer aus dem Ausland. Und dies sei falsch. Pauschalreisen stellten keine größere Gefahr dar als Bus- oder Bahnfahrten in deutschen Großstädten. Die Bundesregierung trageVerantwortung, dass hier nicht weiter ein falscher Eindruck entstehe. 

Problem: Missachtungen der Covid-Regeln

Der wahrscheinlichste Ort sich anzustecken sei laut RKI Deutschland. Infektionen würden häufig bei großen Familienfeiern, am Arbeitsplatz und bei Freizeitaktivitäten weitergetragen. Oft spiele dabei eine Rolle, dass Abstands- und Hygieneregeln (AHA) im Alltag nicht ausreichend beachtet würden. Missachtungen der Covid-Regeln seien inakzeptabel und nicht zu tolerieren, nicht im Inland und nicht im Ausland. Es sei auch Aufgabe der Bundesregierung, intensiv für die Beachtung der AHA-Regeln zu werben und diese auch einheitlich in Deutschland zur Anwendung zu bringen. Der Ausflug zum benachbarten Badesee oder die Reise an Nord- und Ostsee oder in die deutschen Mittelgebirge sei bei Beachtung der AHA-Regeln nicht ungefährlicher oder gefährlicher als eine Reise nach Griechenland oder Portugal. 

Die pauschale Verlängerung der weltweiten Reisewarnung lässt den differenzierten Blick auf ein komplexes Problem vermissen. Sie schadet damit auch der Reisewirtschaft in Deutschland, Europa und weltweit. Eine ökonomische Erholung der Weltwirtschaft wird ohne Reisen nicht gelingen können. Dabei geht es in der ökonomischen Wirkung nicht nur um Urlaubsreisen. Die komplexen Auswirkungen der Reisewarnung in Kombination mit Quarantäneregelungen verhindern in großem Umfang auch Geschäftsreisen und beschädigen das Geschäft von exportorientierten Unternehmen. Geschäftsreisen werden nicht zu Vergnügungszwecken unternommen; sie sind für den Wirtschaftsstandort Deutschland auch auf lange Sicht nicht verzichtbar. Die Bundesregierung setzt grenzüberschreitende Geschäftsreisende und Urlauber dem Generalverdacht aus, Verursacher einer wie auch immer gearteten zweiten Welle zu sein. Das ist nicht durch Fakten gedeckt und weder fair noch sachgerecht. Die Minister Maas, Spahn, Altmaier und Braun müssen daher hier ein deutlich höheres Maß an Ausgewogenheit erkennen lassen. (Fiebig)

Forderungen des DRV

Die Reisewirtschaft fordere von der Bunderegierung daher sachgerechte Entscheidungen: 

  • Differenzierte Reisehinweise, die das Covid-Geschehen in den einzelnen Staaten und in deren Regionen angemessen beurteilt 
  • Eine kluge Teststrategie, die auf die Regionen fokussiert, die nach Erkenntnissen des RKI hohe Infektionsrisiken bergen; dies schließt unterschiedliche Wege der Rückkehr nach Deutschland (beispielsweise auf dem Landweg) mit ein
  • Rechtzeitige Kommunikation von Veränderungen bei Risikogebieten: Reisende und Urlauber, die sich bereits vor Ort in einer Destination befinden, sollten durch einen ausreichenden Vorlauf bei der Einstufung von Risikogebieten die Möglichkeit erhalten, sicher und ohne vorher nicht abzusehende Quarantäneregeln an ihren Heimatort zurückzukehren
  • Ein negativer Covid-Test muss wie bisher eine Rückkehr nach Deutschland ohne Quarantäneregelungen ermöglichen
  • Die Bundesregierung sollte prüfen, ob kostengünstige Schnelltests, die in kürzerer Zeit als die bisher im Labor ausgewerteten PCR-Tests zu Ergebnissen führen, nicht stärker zur Anwendung bei Ein- und Ausreisen eingesetzt werden können
  • Eine realistische Darstellung von Infektionsrisiken und Infektionsorten. Reisen können bei Covid-Infektionen eine Rolle spielen. Reiserückkehrer sind aber nicht grundsätzlich verantwortlich für erhöhte Covid-Infektionen in Deutschland. Hier ist eine klare Kommunikation der Bundesregierung erforderlich. 

Hintergrund

Die Zahl der entdeckten Covid-Infektionen in Deutschland steigt. Das hat auch damit zu tun, dass sich die Testkapazitäten im August im Vergleich zum Frühjahr mehr als verdoppelt haben. Die Quote der Infektionen liegt gleichbleibend bei etwa 1 %. Heißt: Viele Tests erhöhen die absolute Zahl der entdeckten Infektionen, aber die Quote erhöht sich dadurch nicht. Durch die hohe Testung bleiben weniger Covid-Infektionen unerkannt.

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