9-Euro-Ticket: VDV zieht vorläufige Bilanz

Die aktuellen Ergebnisse der bundesweiten Marktforschung, die der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) zusammen mit der Deutschen Bahn und den Marktforschungsinstituten Forsa und RC Research im Auftrag von Bund und Ländern durchführt, belegen deutlich die positiven Effekte bei der Bekämpfung des Klimawandels.

Das 9-Euro-Ticket ist mit rund 52 Mio. verkauften Fahrkarten ein Erfolgsmodell. (Foto: VDV)
Das 9-Euro-Ticket ist mit rund 52 Mio. verkauften Fahrkarten ein Erfolgsmodell. (Foto: VDV)
Martina Weyh

Das 9-Euro-Ticket ist mit rund 52 Mio. verkauften Fahrkarten ein Erfolgsmodell – dieses Fazit zieht der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Dem zugrunde liegen die aktuellen Zwischenergebnisse der bundesweiten Marktforschung, die der Branchenverband zusammen mit der Deutschen Bahn und den Marktforschungsinstituten Forsa und RC Research im Auftrag von Bund und Ländern durchführt.

Deutlicher Verlagerungseffekt erkennbar

Die zentralen Erkenntnisse, die den Verlagerungseffekt vom Pkw hin zum ÖPNV belegen, hat der VDV heute (29. August) gemeinsam mit Verkehrsministerinnen und -ministern der Länder vorgestellt. Demnach haben 10 % der Fahrten mit dem 9-Euro-Ticket eine Fahrt ersetzt, die sonst mit dem Pkw unternommen worden wäre. Insgesamt liege der Anteil der aus anderen Verkehrsmitteln verlagerten Fahrten bei 17 %.

„Die Menschen wollen den öffentlichen Nahverkehr, wenn das Ticket einfach und verständlich sowie überall flexibel nutzbar ist. Und sie sind bereit, ihr Auto dafür stehen zu lassen, wenn so ein Ticket nicht nur über den überschaubaren Zeitraum von drei Monaten geht“, bilanzierte Dr. Maike Schaefer, Senatorin für Mobilität der Freien Hansestadt Bremen, in ihrer Funktion als Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz (VMK) der Länder.

Wie weiter – der Bund ist gefordert

Jetzt müssten Lösungen erarbeitet werden, die den Nah- und Regionalverkehr in urbanen und ländlichen Räumen ausbauen und stärken. Das sei nur auf Basis einer langfristig gesicherten Finanzierungsgrundlage möglich, die den ÖPNV auf Dauer leistungsfähig und für alle bezahlbar mache. Hier sei insbesondere der Bund gefordert, so Schaefer.

Aus den bislang vorliegenden Zahlen lässt sich herauslesen, dass das Hauptargument für den Kauf der Preis ist, gefolgt vom Verzicht auf Autofahrten. Der Ticketpreis spielt aber für Neukundinnen und Neukunden eine deutlich geringere Rolle als für bestehende Abonnentinnen und Abonnenten. Er sei zwar mit 56 % auch bei den Neukunden das Hauptargument für den Kauf, gleich dahinter nennen jedoch 43 % der befragten Neukunden den Verzicht auf Autofahrten als Kaufgrund.

In der Stadt top, auf dem Land flop

Auch die Flexibilität sowie die bundesweite Gültigkeit werden als wichtige Kaufargumente genannt. Unter den Befragten, die das Ticket nicht gekauft haben, sind Hauptgründe gegen den Kauf des 9-Euro-Tickets fehlende Nutzungsanlässe (37 %), die Vorliebe fürs Auto (35 %) und umständliche Verbindungen (33 %).

Dem ländlichen Raum fehlt eine attraktive Anbindung – als Nichtkaufgründe wurden umständliche Verbindungen, Taktung, Fahrtdauer und Entfernung zur Haltestelle benannt. Die Verkaufszahlen dort sind etwa halb so hoch wie in städtischen Gebieten. Brandenburgs Infrastrukturminister Guido Beermann etwa betonte, dass ohne eine strukturelle Erhöhung der Regionalisierungsmittel durch den Bund die Debatte über eine Anschlusslösung für das 9-Euro-Ticket in eine Sackgasse laufe.

„Die Attraktivität des ÖPNV, das heißt gute Taktungen, ein dichtes Liniennetz und schnelle Fahrzeiten können nur mit zusätzlichen Mitteln gewährleistet werden. Die enorm gestiegenen Energie- und Kraftstoffpreise verschärfen diese Finanzsituation weiter, sodass der Bund hier zuerst seine Hausaufgaben erledigen muss. Klar ist auch: Der Bund ist gefordert, einen tragfähigen und nachhaltigen Vorschlag zu einer möglichen Nachfolge des 9-Euro-Tickets vorzulegen und die Kosten hierfür aufgrund seiner verfassungsrechtlichen Finanzierungsverantwortung vollständig zu tragen.“

Seine Amtskollegin Petra Berg, Ministerin für Mobilität des Saarlandes, legt den Fokus darauf, dass laut Studie die Mehrheit der Fahrgäste vor allem alltägliche Fahrten wie Arztbesuche, Shopping und allgemeine Erledigungen mit dem 9-Euro-Ticket unternommen habe. Vor diesem Hintergrund fordert sie eine adäquate Anschlussregelung:

„Es muss eine überzeugende Anschlusslösung für ein bundesweites Nahverkehrsticket gefunden werden, um die Bürgerinnen und Bürger weiterhin zu entlasten, die in Zeiten steigender Preise und Kosten darauf angewiesen sind. Zugleich muss dabei der Ausbau in den ÖPNV finanziell sichergestellt werden, denn allein der Ticketpreis genügt nicht, um die Menschen dauerhaft zum Umstieg zu bewegen.“

Auf das Engagement der Länder für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs ging Winfried Hermann, Verkehrsminister von Baden-Württemberg, ein:

„Um eine Angebotsoffensive zu starten, ist die Unterstützung des Bundes unerlässlich. Die Länder tun viel, um Busse und Bahnen zu stärken. Ohne eine deutliche Anhebung der Regionalisierungsmittel kann aber das Angebot im öffentlichen Nahverkehr nicht ausgebaut werden. Angesichts langer Laufzeiten der Verträge mit Bahnunternehmen und der mehrere Jahre im Voraus notwendigen Bestellung von Zügen brauchen die Länder Planungssicherheit. Wenn es nicht gelingt, die Regionalisierungsmittel in den kommenden Jahren deutlich und kontinuierlich zu erhöhen, werden die Länder Züge abbestellen müssen. Das Ziel im Interesse der Fahrgäste und des Klimaschutzes lautet aber: Mehr Züge und bessere Takte.“

Enorme CO2-Einsparungen durch 9-Euro-Ticket

VDV-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff hob besonders die Klimawirkung eines attraktiven ÖPNV-Angebotes hervor. Dazu hat der Branchenverband, der über 600 Unternehmen des öffentlichen Personenverkehrs und des Schienengüterverkehrs organisiert, parallel zur laufenden Marktforschung eine Abschätzung zur Einsparung schädlicher Klimagase in den drei Monaten des 9-Euro-Tickets vorgenommen (auf Basis des sogenannten TREMOD-Modells zur Berechnung von Emissionen): Auf Grundlage der vom Pkw auf Busse und Bahnen verlagerten Fahrten hat das 9-Euro-Ticket demnach rund 1,8 Mio. t CO2 eingespart.

„Drei Monate 9-Euro-Ticket haben etwa so viel CO2 eingespart wie ein Jahr Tempolimit auf Autobahnen bringen würde“, verdeutlichte Oliver Wolff. „Das 9-Euro-Ticket hat also nicht nur die Bürgerinnen und Bürger finanziell entlastet, sondern auch eine eindeutig positive Wirkung fürs Klima.

Alle verantwortlichen Akteure sollten daher jetzt zügig über die Fortsetzung und Weiterentwicklung eines solchen Angebots entscheiden.

„Wenn wir Verkehrswende und Klimawandel ernst nehmen, dann müssen wir jetzt handeln“, appellierte der Hauptgeschäftsführer des VDV.

Anfang Oktober findet die Umstellung der Vertriebssysteme auf die ab Januar 2023 geltenden Tarife statt. Vor diesem Hintergrund schlug Wolff vor, den kommenden Monat zu nutzen, um spätestens bis dahin gemeinsam eine für die Verkehrsunternehmen wirtschaftliche und für die Fahrgäste attraktive Lösung zu erarbeiten. Alle Infos zur Bilanz des 9-Euro-Tickets unter www.vdv.de/bilanz-9-euro-ticket

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