Radikalumbau: Abspaltung von Daimler Truck und Börsengang

Daimler plant die Aufteilung des Geschäfts in zwei unabhängige Unternehmen: Mercedes-Benz für Autos und Vans, Daimler Truck für Lkw und Busse. Gleichzeitig soll das Nutzfahrzeuggeschäft an die Börse gebracht werden.

Die Bussparte muss zusammen mit dem Lkw im künftigen eigenständigen Unternehmen Daimler Truck profitabel sein – ohne Rückendeckung durch das übermächtige Autogeschäft des Konzerns. (Foto: Bünnagel)
Die Bussparte muss zusammen mit dem Lkw im künftigen eigenständigen Unternehmen Daimler Truck profitabel sein – ohne Rückendeckung durch das übermächtige Autogeschäft des Konzerns. (Foto: Bünnagel)
Claus Bünnagel

Daimler plant einen grundlegenden Wandel der Unternehmensstruktur: Aufsichtsrat und Vorstand von Daimler haben heute beschlossen, den unter Daimler Truck zusammengefasste Lkw- und Busbereich per Spin-Off vom Autogeschäft abzutrennen. Daimler Truck wird im Zuge dessen volle unternehmerische Freiheit erlangen sowie eine eigenständige Corporate-Governance-Struktur mit einem unabhängigen Aufsichtsratsvorsitzenden besitzen. 

Die endgültige Entscheidung über einen Spin-Off muss bei einer außerordentlichen Hauptversammlung getroffen werden – diese soll im dritten Quartal 2021 stattfinden. (Daimler-Aufsichtsratsvorsitzender Manfred Bischoff)

Einer der größten Börsengänge 2021

Außerdem soll das Nutzfahrzeuggeschäft bereits bis Ende 2021 an die Börse gehen und im Dax gelistet sein. Damit zeichnet sich einer der größten Börsengänge in diesem Jahr ab. Analysten bewerten das Geschäft des weltgrößten Herstellers von Nutzfahrzeugen über 6 t mit bis zu 34 Mrd. Euro.

Dies ist ein historischer Moment für Daimler und der Anfang für eine tiefgreifende Umgestaltung des Unternehmens. Mercedes-Benz Cars & Vans und Daimler Trucks & Buses arbeiten in verschiedenen Branchen mit spezifischen Kundengruppen, Technologiepfaden und Kapitalanforderungen. Mercedes-Benz ist die wertvollste Luxusautomarke, die anspruchsvollen Kunden die begehrenswertesten Autos der Welt anbietet. Daimler Truck liefert den Kunden eine Vielzahl von branchenführenden Transportlösungen und Dienstleistungen. Beide Unternehmen sind in Industrien tätig, die sich technologisch und strukturell umfassend verändern. Diesen Wandel können sie deutlich effektiver gestalten, wenn sie dabei als unabhängige Einheiten agieren – mit einer starken Nettoliquidität und ohne die Einschränkungen einer Konglomeratsstruktur. (Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender von Daimler und Mercedes-Benz)

Kaum Synergieeffekte

Investoren drängen Daimler seit Jahren dazu, das Geschäft mit Lastwagen und Bussen vom dominanten Autogeschäft unter der Kernmarke Mercedes zu trennen. Der Grund: Zwischen den Einheiten lassen sich kaum Synergieeffekte erzielen, zu unterschiedlich ist das Geschäft. Im Zuge dieser Neustrukturierung ist sowohl bei Mercedes-Benz als auch bei Daimler Truck die Unterstützung durch Finanz- und Mobilitätsdienstleistungsgesellschaften geplant. Diese werden den Absatz mit Finanzierungs-, Leasing- und Mobilitätslösungen unterstützen. Dafür beabsichtigt das Unternehmen, die Kapazitäten und Teams der heutigen Daimler Mobility sowohl Mercedes-Benz als auch Daimler Truck zuzuordnen.

Wir glauben an die finanzielle und operative Stärke unserer beiden industriellen Geschäftsfelder. Und wir sind überzeugt: Mit einem unabhängigen Management und mit unabhängiger Governance-Struktur werden beide Einheiten künftig noch schneller agieren, ehrgeiziger investieren sowie Wachstum und Kooperationen gezielter vorantreiben können – das alles macht sie deutlich stärker und wettbewerbsfähiger. (Källenius)

Daimler Truck 

Daimler Truck ist der weltweit größte Hersteller von Lkw und Bussen mit führenden Marktpositionen in Europa, Nordamerika und Asien und mehr als 35 Hauptstandorte auf der ganzen Welt. Mit mehr als 100.000 Mitarbeitern vereint Daimler Truck sieben Marken unter einem Dach: BharatBenz, Freightliner, Fuso, Mercedes-Benz, Setra, Thomas Built Buses und Western Star. 2019 lieferte der Nutzfahrzeughersteller in Summe rund eine halbe Million Trucks und Busse an Kunden aus. Der Umsatz belief sich im Jahr 2019 auf 40,2 Mrd. Euro bei Daimler Trucks und 4,7 Mrd. Euro bei Daimler Buses. Das Ebit betrug 2,5 Mrd. Euro bei Daimler Trucks und 283 Mio. Euro bei Daimler Buses.

Die Transformation unserer Industrie schreitet schnell voran. Damit wir Schritt halten können, müssen wir mutiger und mit schnelleren Entscheidungen Investitionen in Innovationen tätigen. Dafür werden wir zusätzlich zur aktuellen Finanzplanung einen weiteren Innovationsfonds mit einem Volumen von 1,5 Milliarden Euro für Daimler Truck einrichten. Damit können wir in neue Produkte und Technologien investieren, und wir werden aktiv unsere Ideen einbringen. Das bringt zusätzliche Perspektiven für unsere Standorte und sichert Beschäftigung. Zudem gelten Betriebsvereinbarungen wie z.B. unsere Zukunftssicherung bis zum Ende der Dekade weiter. (Daimler-Gesamtbetriebsratsvorsitzender Michael Brecht)

Die geplante Transaktion

Es ist beabsichtigt, dass Daimler im Rahmen der geplanten Transaktion die Mehrheit an Daimler Truck an seine Aktionäre abgeben wird. Die Zahl der Daimler-Truck-Aktien, die die Daimler-Aktionäre dann erhalten würden, bemisst sich am Umfang der bisherigen Beteiligung. Der Konzern beabsichtigt, eine Minderheitsbeteiligung an Daimler Truck beizubehalten und Posten in dessen Aufsichtsrat zu besetzen. Zu einem späteren Zeitpunkt soll mitgeteilt werden, wie groß der Anteil von Daimler Truck genau sein wird, der künftig an der Börse gehandelt werden soll, und in welchem Verhältnis die Aktien von Daimler Truck den Daimler-Aktionären zugeteilt werden sollen.

Eine Gefahr steigt durch die Aufspaltung in zwei Unternehmensteile natürlich: nämlich die Übernahme durch einen größeren Wettbewerber. Das gilt sowohl für das Auto- wie auch das Nutzfahrzeuggeschäft. In dieser Frage wird es entscheidend darauf ankommen, wie die beiden Teile die Transformation vom Verbrenner- in einen Elektromobilhersteller bewältigen.

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