Neun-Euro-Ticket: Sozial top, Umwelt flop

Eine Analyse auf Basis von Google-Mobility und TomTom-Daten ergibt, dass zwar sehr viele Leute das Ticket nutzen, die sich den ÖPNV sonst nicht leisten könnten. Dass aber andererseits kaum ein Autofahrer umsteigt. Immerhin: Wie unter einem Brennglas werden die Probleme der Bahn offenbar.

Was es geschlagen hat, das macht das Experiment mit dem Neun-Euro-Ticket für die Bahn deutlich: Es braucht offenbar nicht nur einen günstigeren ÖPNV, sondern auch einen simpleren. | Foto: DB
Was es geschlagen hat, das macht das Experiment mit dem Neun-Euro-Ticket für die Bahn deutlich: Es braucht offenbar nicht nur einen günstigeren ÖPNV, sondern auch einen simpleren. | Foto: DB
Redaktion (allg.)
(erschienen bei VISION mobility von Johannes Reichel)

Das vieldiskutierte Neun-Euro-Ticket hat offenbar zahlreiche Bürger*innen in den ÖPNV gelockt, die sich die Fahrten sonst nicht hätten leisten können. Dagegen scheint es nur wenige Autofahrer, trotz der hohen Spritpreise, zum Umstieg zu bewegen. Das legt eine Analyse dar, die Spiegel Online vorgenommen hat, auf Basis von Handy-Daten im Bahnhof- und Haltestellenumfeld von Google Mobility sowie des Navigationsspezialisten TomTom.

Nach Google-Analyse legte in allen Bundesländern die Präsenz an Orten des ÖPNV von Mai auf Juni mehr oder minder stark zu, am meisten in Mecklenburg-Vorpommern mit 26 Prozent, am wenigsten in Berlin mit sechs Prozent. Offenbar hat das Ticket viele Bürger*innen aus sozial schwachen Milieus animiert oder überhaupt erst ermöglicht, mit den "Öffis" zu fahren. Das Sozialleben scheint teilweise regelrecht beflügelt worden zu sein, weil sogar Sozialtickets sonst zu teuer sind.

Genutzt werden die Tickets besonders häufig in urbanen Regionen mit gutem Nahverkehr. Jeder zweite Neukunde nutzt das Angebot für Tagesausflüge oder Einkäufe, was sich mit den Daten der Fußgängerzonen und Einkaufsmeilen deckt, wo die Passantenzahlen rapide nach oben schnellten. Laserscanner der Firma Hystreet, so berichtet der Spiegel, hätten etwa in Hamburg, Leipzig oder Köln ein Drittel bis die Hälfte mehr Publikumsfrequenz ergeben.

Verkehrsunternehmen sehen das Ticket somit auch als Mittel, in der Pandemie verlorene Fahrgäste zurückzuholen, von einem Schnupperangebot spricht der Chef der Hamburger Hochbahn, Henrik Falk. Das Budgetticket werde auch deshalb so gut angenommen, weil es so einfach zu verstehen sei, konstatiert Eva Kreienkamp, Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe gegenüber dem Spiegel. 

Beruflich weniger in Nutzung - Autofahrer steigen kaum um

Zum Pendeln oder beruflich nutzt aber nur jeder Dritte das Billig-Ticket. Womit man bei der Kehrseite der Medaille wäre: Sozialpolitisch wohl ein Erfolg, ist das Angebot fürs Klima eher ein Flop, legen die ersten Auswertungen nahe. So hätte sich laut Daten des Navi-Spezialisten TomTom die Autonutzung so gut wie gar nicht verändert, auch in Räumen mit gutem ÖPNV. In Frankfurt, Hamburg, Kassel und Leipzig war es Mitte Juni zur Rushhour trotz hoher Spritpreise genauso voll auf den Straßen, teils gab es auch mittags, nachmittags und abends keine Veränderung. Der Berliner Verkehrsforscher Andreas Knie erklärte das gegenüber dem Spiegel so:

"Generell ist es so, dass man zwei Drittel der Deutschen gar nicht mehr mit irgendwelchen ÖPNV-Angeboten erreicht".

Die "Öffis" seien gedanklich abgehakt, wegen mäßigem Angebot oder der Gewohnheit, Auto zu fahren. Der Spiegel sieht das Ticket daher schon zum jetzigen Zeitpunkt als Klimaretter "gescheitert", als soziale Entlastungsmaßnahme aber durchaus erfolgreich. Immerhin lege die Maßnahme offen, dass sich manche Leute den ÖPNV überhaupt nicht mehr leisten könnten und andere auf's Auto nicht verzichten wollen oder können. Und: Die Sehnsucht nach einem simpel zu nutzenden, kundenfreundlichen ÖPNV wurde bedient - und nachgefragt.     

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