Michelin schließt Werke in Karlsruhe und Trier

Außerdem wird die Lkw-Neureifen- und Halbfabrikatfertigung in Homburg eingestellt das Kundenkontaktzentrum von Karlsruhe nach Polen verlagert. 1.532 Mitarbeiter sind von den Restrukturierungsmaßnahmen bis Ende 2025 insgesamt betroffen.

Das Werk Homburg ist mit dem Verlust von 843 Arbeitsstellen besonders betroffen. (Foto: Michelin)
Das Werk Homburg ist mit dem Verlust von 843 Arbeitsstellen besonders betroffen. (Foto: Michelin)
Claus Bünnagel

Michelin schließt bis Ende 2025 schrittweise seine Produktionsstandorte Karlsruhe und Trier sowie die Lkw-Neureifen- und Halbfabrikatfertigung in Homburg. Außerdem verlagert der französische Reifenhersteller sein Kundenkontaktzentrum für Deutschland, Österreich und die Schweiz von Karlsruhe nach Polen. Insgesamt sind 1.532 Mitarbeiter von den Restrukturierungsmaßnahmen betroffen. Der größte europäische Produktionsstandort von Michelin für die Runderneuerung von Lkw-Reifen in Homburg und das Pkw-Reifenwerk in Bad Kreuznach sind davon ausgenommen. Die Produktion an diesen Standorten wird fortgeführt.

Als Gründe für die Werksschließungen gibt Michelin das verstärkte Marktaufkommen von Lkw-Budgetreifen aus Niedriglohnländern und die steigenden Produktionskosten in Deutschland an.

Das Engagement unserer Mitarbeitenden, die innerbetrieblichen Fortschritte und die Investitionen der vergangenen Jahre in die betroffenen Aktivitäten können den starken Wettbewerbsdruck nicht länger ausgleichen. (Maria Röttger, Präsidentin der Region Nordeuropa von Michelin)

Marktverschiebungen

In den vergangenen Jahren habe sich der europäische Lkw-Reifenmarkt deutlich in Richtung importierter Budgetreifen verschoben. Zwischen 2013 und 2022 sei der Marktanteil von Budgetreifen – hauptsächlich aus Niedriglohnländern – laut der Unternehmensberatung Roland Berger um elf Prozentpunkte gestiegen – auf Kosten des Premium- und mittleren Preissegments.

Die jüngsten gesundheits- und geopolitischen Krisen und deren Auswirkungen auf Energie-, Logistik- und Rohstoffpreise sowie eine hohe Inflationsrate hätten die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland zusätzlich belastet. Im Juli 2023 seien die Industrieerdgaspreise in Deutschland mehr als doppelt so hoch wie 2015 gewesen, während der Strompreis um 51 % stieg.

Näher an den Märkten produzieren

Diese Faktoren hätten sich direkt und ungünstig auf den Industriebetrieb ausgewirkt, einschließlich der Exportaktivitäten der betroffenen Standorte. Diese seien nicht mehr in der Lage, wettbewerbsfähig in andere Regionen zu exportieren. Michelin verfolge zudem die Strategie, näher an den Märkten zu produzieren. Das diene dazu, den Kundenservice mit einer robusteren, umweltfreundlicheren und effizienteren Logistikkette zu verbessern, was in einem Rückgang der Exporte resultiere.

Diese Exportstrategie sowie die Marktverlagerung hin zu preisgünstigeren Lkw-Budgetreifen und die nachteiligen Rahmenbedingungen für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands führten zu strukturellen Überkapazitäten und einer Unterauslastung der betroffenen Produktionsstandorte.

Maßnahmenpaket für die betroffenen Mitarbeiter

In einem Austausch mit den Sozialpartnern will Michelin nun mit den betroffenen Mitarbeitern deren weiteren beruflichen Weg besprechen und ein umfassendes Maßnahmenpaket anbieten. Zu diesem könnten die Dienste einer Transfergesellschaft ebenso gehören wie Weiterbildungsangebote und das Prüfen interner Beschäftigungsmöglichkeiten. Die Gespräche mit den Betriebsräten und der Gewerkschaft IGBCE über die Umsetzung der betrieblichen Änderungen sowie mögliche Alternativen für die künftige Nutzung der betroffenen Standorte würden nun fortgesetzt.

Die Entwicklung am ehemaligen Michelin-Produktionsstandort in Hallstadt bei Bamberg zeige, wie eine Schließung verantwortungsvoll gemeinsam mit Kooperationspartnern gelingen könne. Seit 2020 arbeiten dort Partner aus Unternehmen, Politik und Wissenschaft gemeinsam daran, um mit dem Cleantech Innovation Park einen Inkubator für Zukunftstechnologien entstehen zu lassen. Erste Verbundprojekte aus den Bereichen KI und Digitalisierung, Ressourceneffizienz in der Produktion sowie Clean Energy im Mobilitätsbereich seien bereits in Planung.

Wichtiges Werk Bad Kreuznach

Trotz der Werksschließungen bleibe Deutschland als Heimat der technologieführenden Automobilindustrie ein wichtiger Standort für die Michelin Gruppe. Richtungsweisende Bedeutung habe das Werk Bad Kreuznach: Die dortige Pkw-Reifenproduktion nahe den deutschen Autoherstellern sei ein entscheidender Erfolgsfaktor in der künftigen Marktdurchdringung der Reifengrößen 18“ und größer. Zudem fertige der Standort auch strategische High-Tech-Reifen.

Die Michelin Gruppe will auch seine größte europäische Produktion für die Runderneuerung von Lkw-Reifen in Homburg beibehalten. Der Standort werde außerdem weiterhin RFID-Chips verarbeiten. Michelin will beide Produktionsstandorte weiter modernisieren, um sie kosteneffizienter und umweltfreundlicher für die Zukunft aufzustellen.

Nach der Schließung der betroffenen Bereiche wird Michelin vorerst mit rund 2.780 Mitarbeitenden in der Industrie, Logistik, Vertrieb, Marketing und Verwaltung in Deutschland präsent sein. Zudem unterhält die Gruppe Tochtergesellschaften wie Euromaster und Ihle mit rund 2.000 Mitarbeitern in Deutschland.

Übersicht über die Michelin-Standorte in Deutschland

  • Trier: Produktion von Wulstkernen für Pkw-Reifen (88 Mitarbeiter)
  • Homburg: Lkw-Reifenproduktion, Halbfabrikatfertigung (843 Mitarbeiter); Runderneuerung von Lkw-Reifen, Verarbeitung von RFID-Chips (480 Mitarbeiter)
  • Karlsruhe: Herstellung von Reifen für kleine und mittelgroße Lkw, Halbfabrikatfertigung (479 Mitarbeiter); Kundenkontaktzentrum für Deutschland, Österreich und die Schweiz (122 Mitarbeiter)