2.500 km im MAN Lion’s City 12 E von München nach Limerick

Bis zu 418 km am Tag wurden vollelektrisch zurückgelegt, 1.433 Höhenmeter am Schweizer Julierpass absolviert.

Deutsche E-Bus-Technik meets irisches Wahrzeichen: der MAN Lion’s City 12 E vor dem Rock of Cashel im County Tipperary. (Foto: MAN)
Deutsche E-Bus-Technik meets irisches Wahrzeichen: der MAN Lion’s City 12 E vor dem Rock of Cashel im County Tipperary. (Foto: MAN)
Claus Bünnagel

Zehn elektrisierende Tage liegen hinter ihm: Der MAN Lion’s City 12 E hat eine genau 2448,8 km lange Reise durch acht europäische Länder absolviert. Ziel war die „grüne Insel“ Irland. Dort nahm der vollelektrische Stadtbus am „International Bus Euro Test 2022“ in Limerick teil. Nach seinem Start in der MAN-Zentrale erreichte der in München entwickelte und im polnischen Starachowice gefertigte Elektrobus am 8. Mai sein Ziel.

Auf seiner zehntägigen Europatournee verbrauchte der 12 m lange Stadtbus eine Energie von insgesamt 1.763,7 kWh – das sind rund 0,72 kWh/km. Erreicht werden konnte dieser Wert u.a. durch eine beachtliche Rekuperationsrate von 20,8 %. Die Energie für die anspruchsvolle Fahrt unter verschiedensten Bedingungen stellten sechs Lithium-Ionen-Batterie-Packs (Kapazität 480 kWh) auf dem Dach des E-Busses. Nachgeladen wurde nach jeder Tagesetappe, ein Zwischenladen war nicht notwendig.

In ukrainischen Farben

Mit blau-gelben Designelementen in Anlehnung an die Farben der ukrainischen Flagge setzte der Lion’s City E zudem während der Tour und bei seiner Ankunft im irischen Limerick – passend zum 77. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai – ein Zeichen für ein friedliches Europa.

Mit der Tour zeigt unser Elektrobus eindrucksvoll, dass man schon heute emissionsfrei, zuverlässig und alltagstauglich in ganz Europa unterwegs sein kann. Dazu besuchte unser Team urbane Metropolen, unternahm viele Überlandfahrten mit verschiedensten topografischen Bedingungen und überquerte sogar einen Alpenpass. Bei der für den Stadtbus untypischen Fernreise boten sich aber auch einige Herausforderungen, speziell beim Thema Ladeinfrastruktur. (MAN-Bus-Chef Rudi Kuchta)

Ladeinfrastruktur aufbauen

So bleibt der Aufbau einer Ladeinfrastruktur ein essentieller Faktor für die Transformation der Transportindustrie. Hier ist in den Augen von MAN die Unterstützung der Politik unerlässlich. Einen Beitrag dazu will aber auch die Traton-Gruppe leisten, der Mutterkonzern von MAN Truck & Bus. Das Nutzfahrzeugunternehmen will im Rahmen eines Joint Ventures in Europa ein Hochleistungsladenetz mit aufbauen

Zu den Wintersportzentren

Auf leisen Sohlen durchs Alpenvorland: Das war das Motto der ersten Etappe am 28. April über 166 km von München nach Innsbruck. Eine Strecke, die viele Wintersportbegeisterte gut kennen, für einen elektrischen Linienbus aber völliges Neuland war. Es ging vorbei an Kochel- und Walchensee (800 m hoch gelegen), am von Berggipfeln umrahmten Mittenwald, durchs bezaubernde Inntal und malerische Tiroler Dörfchen bis in die Wintersportmetropole mit der berühmten Bergisel-Skisprungschanze, traditionelle Station der Vierschanzentournee. Bereits am ersten Tag stellte der MAN Lion’s City 12 E seine Fähigkeit zum Wiederaufladen der Batterie durch Bremsenergierückgewinnung unter Beweis. Die maximale Rekuperationsfähigkeit des Busses liegt bei rund 50 %.

Am zweiten Tag der Tour galt es, satte 1.248 Höhenmeter zu überwinden. Ziel der Etappe über 208 km war der Schweizer Nobelwintersportort St. Moritz, 1928 und 1948 Austragungsort der Olympischen Winterspiele und jedes Jahr Anziehungspunkt für eine Viertelmillion Urlaubsgäste. Weite Teile der Strecke führten dabei entlang des mächtigen, 517 km langen Inn, dessen Wasserkraftwerke jedes Jahr mehrere Milliarden Kilowattstunden an Energie erzeugen.

Auf dem Pass über die Alpen

Höhepunkt der 3. Etappe von St. Moritz nach Zürich war der Julierpass mit seinem Scheitelpunkt 2.284 m über dem Meeresspiegel. Auch die anspruchsvolle Passstraße mit einer Höhendifferenz von 1.433 m, Serpentinen, Haarnadelkurven und rasanten Anstiegen meisterte der MAN Lion’s City E bei –1°C und böigem Wind souverän. Am Ende der Etappe, die auch durch das nur 161 m2 große Fürstentum Liechtenstein führte, waren nach 274,6 km noch 56,4 % Batteriekapazität übrig.

Auf dem Tagesplan der vierten Etappe von Zürich nach Straßburg durchs malerische Elsass stand u.a. ein Besuch des Europäischen Parlaments. Und das aus gutem Grund: Dort wird intensiv über die Klimaziele in Europa diskutiert und entschieden. Nachhaltigkeit ist auch eine wichtige Säule der MAN-Unternehmensstrategie: Bis 2030 soll der Flottenausstoß der verkauften Trucks, Busse und Vans um 28 % sinken.

Von Straßburg nach Luxemburg ging es an Tag fünf. Serpentinenfahren durch die Vogesen, ein kultureller Abstecher ins schöne Metz und vorbei am gigantischen Solarpark Rosières nahe der französischen Stadt Rosières-en-Haye – das waren die Highlights an diesem Tag. Die Photovoltaikfreiflächenanlage ist 367 ha groß und hat eine Nennleistung von 115 MW. Früher ein Militärflugplatz, stehen hier heute über 1,4 Mio. Solarmodule. Bis dahin hatte der MAN Lion’s City 12 E bereits 1.264,7 km hinter sich und bei einem Durchschnittstempo von 35,1 km/h genau 949,6 kWh verbraucht.

Brüssel: Vorgeschmack auf die nächste „Busworld“

Der sechste Tag der „Electrifying Europe Tour“ führte nach Brüssel und lieferte einen Blick in die Zukunft. Denn in Belgiens Metropole findet im Herbst 2023 nach zweijähriger Coronapause wieder die „Busworld“ statt, die wichtigste Busmesse der Welt. 2019 feierte der MAN Lion’s City E seine Messepremiere in Brüssel. Kommendes Jahr wird Elektromobilität erneut ein Schwerpunkt sein. Die 267,9 km Strecke in die belgische Hauptstadt führte u.a. vorbei an der imposanten Talsperre von Esch-sur-Sûre (Luxemburg), einem riesigen Windpark in der Nähe von Sainte-Ode (auf belgischer Seite im Dreiländereck mit Luxemburg und Frankreich) und in den Ort Dinant in Belgien mit seiner imposanten Zitadelle. Die Stadt ist der Geburtsort von Adolphe Sax, dem Erfinder des Saxophons.

Die vielleicht größte Herausforderung wartete an Tag sieben der großen Europatour: Mehr als 400 km waren zu bewältigen auf dem Weg von Brüssel ins französische Rouen, wo 1431 die Freiheitskämpferin Jeanne d’Arc auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Skurrile Besonderheit: An einer Stelle des 20,9 km langen Canal du Centre in Belgien fließt das Wasser über der Straße. Die Balkenkanalbrücke wurde zwischen 1998 und 2002 für 248 Mio. Euro errichtet, ist 498 m lang und kann 80.000 t Wasser tragen. Auch an diesem Tag meisterte der MAN Lion’s City E alle Hürden: Nach 417,9 km waren noch 24 % Batteriekapazität übrig.

Fähre defekt, Ladeinfrastruktur im Streik

Einfach kann jeder, spontan Lösungen finden ist hingegen nicht jedermanns Sache. Statt wie geplant auf einer Autofähre, die kurzfristig ausfiel, schipperte der zweiachsige Elektrobus von MAN am achten Tag auf einer Frachtfähre von Cherbourg ins irische Rosslare. Der Rest des Teams nahm einen rund 500 km langen Umweg über die Bretagne und eine Ersatzfähre nach Cork, um am Folgetag den E-Bus wieder in Empfang zu nehmen. Selbst die streikende Ladeinfrastruktur in Rouen brachte die Crew nicht aus dem Konzept: Vor einem Lebensmitteldiscounter gab es Ersatz an einer öffentlichen Ladesäule. Fazit nach mehr als 2.200 km: Die Fahrzeugtechnik funktionierte zuverlässig. Trotz vieler topografischer Herausforderungen oder auch längere Strecken Vollgas bei abgeriegelten 84 km/h auf der Autobahn und einer offiziellen angegebenen Reichweite von 350 km musste bei keiner Tagestour zwischengeladen werden. Hauptgründe: die hohe Batteriekapazität auf dem Fahrzeugdach, die effiziente Technik und die guten Rekuperationswerte des MAN Lion’s City 12 E.

Im Ziel

Dann war die grüne Insel erreicht. Nach dem großen Wiedersehen von Team und Bus samt Fahrer am Fährhafen Rosslare ging es auf der 9. Etappe auf einem kurzen Teilstück mit einigen Foto- und Filmstopps nach Wexford. Und zum Abschluss hieß es für den MAN Lion’s City E: Limerick, here we come – quer durch die atemberaubende Naturschönheit Irlands, ein wahres Roadtrip-Paradies. Fast 2.500 km und zahlreiche Abenteuer lagen hinter dem Elektrobus, als seine Erfolgstour in Limerick ihr Ende fand.

Alle Tagesberichte, Fachbeiträge und Interviews rund um das Thema Elektromobilität sowie zahlreiche Bildergalerien und Videos zur „Electrifying Europe Tour“ gibt es unter https://go.man/roadtrip.

Gesamtwerte der MAN-eBus-Tour
Strecke: 2448,8 km
Energieverbrauch: 1763,7 kWh
Durchschnittsgeschwindigkeit: 41,0 km/h
Rekuperationsrate: 20,8 %

Tageswerte der einzelnen Tour-Etappen 
Tag 1: München – Innsbruck
Strecke: 166,0 km
Energieverbrauch: 125,7 kWh
Durchschnittsgeschwindigkeit: 31,4 km/h
Rekuperationsrate: 26,3 %

Tag 2: Innsbruck – St. Moritz
Strecke: 207,9 km
Energieverbrauch: 236,0 kWh
Durchschnittsgeschwindigkeit: 30,2 km/h
Rekuperationsrate 13,5 %

Tag 3: St. Moritz – Zürich
Strecke: 274,6 km
Energieverbrauch: 162,5 kWh
Durchschnittsgeschwindigkeit: 31,9 km/h
Rekuperationsrate: 38,5 %

Tag 4: Zürich – Straßburg
Strecke: 273,2 km
Energieverbrauch: 175,8 kWh
Durchschnittsgeschwindigkeit: 26,4 km/h
Rekuperationsrate: 14,0 %

Tag 5: Straßburg – Luxemburg
Strecke: 343,0 km
Energieverbrauch: 249,6 kWh
Durchschnittsgeschwindigkeit: 49,4 km/h
Rekuperationsrate: 16,8 %

Tag 6: Luxemburg – Brüssel
Strecke: 267,9 km
Energieverbrauch: 183,6 kWh
Durchschnittsgeschwindigkeit: 43,5 km/h
Rekuperationsrate: 30,7 %

Tag 7: Brüssel – Rouen
Strecke: 417,9 km
Energieverbrauch: 281,7 kWh
Durchschnittsgeschwindigkeit: 42,7 km/h
Rekuperationsrate: 15,2 %

Tag 8: Rouen – Cherbourg
Strecke: 258,1 km
Energieverbrauch: 189,7 kWh
Durchschnittsgeschwindigkeit: 67,8 km/h
Rekuperationsrate: 14,0 %

Tag 9: Cherbourg – Wexford/New Ross
Strecke: 83,1 km
Energieverbrauch: 64,8 kWh
Durchschnittsgeschwindigkeit: 27,2 km/h
Rekuperationsrate: 21,4 %

Tag 10: Wexford/New Ross – Limerick
Strecke: 157,1 km
Energieverbrauch: 94,3 kWh
Durchschnittsgeschwindigkeit: 37,5 km/h
Rekuperationsrate: 35,7 %

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