Interview: Elektrischer und autonomer Personenverkehr ist die Zukunft

Im Gespräch mit der Fachzeitschrift vision mobility (VM) verrät der Vice President der Business Unit Electro-Mobility BENTELER Automotive, Marco Kollmeier, wie man die Erfahrungen aus dem elektrischen Rolling Chassis in einen größeren Maßstab übertrug, und welches Potenzial er nicht nur im autonomen Personenverkehr, sondern auch in der Logistik sieht.

Der Bus kommt - elektrisch und autonom: Der Zulieferer BENTELER positioniert sich mit dem People Mover als Gesamtsystemlieferant für Shuttle-Provider, will aber nicht als OEM fungieren. | Foto: BENTELER
Der Bus kommt - elektrisch und autonom: Der Zulieferer BENTELER positioniert sich mit dem People Mover als Gesamtsystemlieferant für Shuttle-Provider, will aber nicht als OEM fungieren. | Foto: BENTELER
Martina Weyh
(erschienen bei VISION mobility von Johannes Reichel)

VM: Gibt es bereits Interessenten für die neue Plattform im Personen-Shuttle-Bereich? Wie sehen Sie generell hier das Marktpotenzial und welche Stückzahlen, in Europa wie weltweit?

Marco Kollmeier: Wir sind weltweit mit vielen Marktteilnehmern im Gespräch – auch mit Vertretern von Städten oder Regionen – und wir rechnen damit, dass das Interesse kontinuierlich zunimmt. Unsere E-Mobility-Lösung ist dabei für Minibusse im Bereich von 15 bis 22 Personen ausgelegt.

Der Bedarf an öffentlichen Verkehrsmitteln in dieser Größenordnung wird zunehmen, nicht zuletzt, um die Beförderungsquoten zu steigern.

Unsere modularen, vorintegrierten Systeme für das Segment der People Mover sind äußerst belastbar und robust. Das ist für unsere Kunden – wie beispielsweise Kommunen oder Mobilitätsanbieter – sehr wichtig, denn People Mover sind ständig im Einsatz. Konkret sehen wir ein großes Potenzial auf dem US-Markt. Aber auch in Europa und China gibt es ein reges Interesse an modularen Lösungen für People Mover. Vor allem China ist interessant, da es hier große Herausforderungen im städtischen Verkehr gibt, für die People-Mover-Konzepte Lösungen darstellen können.
 

 

VM: Lässt sich quantifizieren, wie stark sich durch das Konzept die Markteintrittszeit für einen neuen Mobilitätsprovider verkürzen kann?

MK: Nein, denn dafür spielen zu viele und auch individuelle Faktoren eine Rolle, die außerhalb unseres Planungsbereichs liegen. Fakt ist, dass der E-Mobilitäts-Markt Entwicklungszyklen von sechs bis acht Jahren nicht akzeptiert. Und unsere Lösung trägt definitiv dazu bei, die elektrisch angetriebene Personenbeförderung schneller zu realisieren.

Insbesondere, weil die Automobilhersteller es vermeiden können, eine komplett eigene Plattform langwierig und aufwendig entwickeln zu müssen.

Kunden profitieren dabei von dem mehrjährigen Know-how und den praktischen Erfahrungen, die wir mit dem Rolling Chassis des Electric Drive Systems gemacht haben – das System für die People Mover baut darauf auf.

VM: Liefern Sie dabei auch den Aufbau?

MK: Dies ist grundsätzlich möglich. Zwar fokussieren wir uns Stand heute noch auf den Fahrzeugboden – ausgestattet mit einem Antriebsstrang und einer kompakten Batteriewanne, die die Batterie optimal in das Fahrgestell eingliedert. Über unser starkes Partnernetzwerk sind wir jedoch jederzeit weltweit in der Lage, auf Wunsch auch komplette Shuttles zu entwickeln und zu fertigen. Hier hilft uns unsere umfassende Expertise: BENTELER entwickelt und fertigt seit vielen Jahren Fahrwerksmodule, Plattformen und große Strukturkomponenten. Zudem verfügen wir über ein umfassendes Know-how in der Systemintegration.

Für das Design des Shuttles erlaubt die Rahmenstruktur unseres E-Chassis Moduls zudem die größtmögliche Flexibilität beim Design. Auch lassen sich leichte und kostengünstige Materialien, etwa Kunststoffe, verwenden. Das heißt aber nicht, dass wir selbst ein OEM werden. Wir erschließen uns aber einen neuen Markt.

VM: Wie sieht die E-Antriebstechnik im Detail aus: Welche Motoren und Leistungen, welche Akkugrößen werden verbaut, welche Reichweiten respektive Verbräuche erzielt und wie ist das Ladekonzept?

MK: Die elektrische Antriebstechnik ist in das Front- und Heckmodul integriert. Wir werden dabei sowohl für Zentralmotoren, als auch für Radnabenmotoren Lösungen anbieten. Die Antriebstechnologien sind noch sehr vielschichtig.

Für uns ist der elektrische Antrieb besonders im urbanen Umfeld und nicht zuletzt aus Umweltschutzgründen die beste Lösung. Auch lässt sich mit der Batterie im Fahrzeugboden die Nutzfläche eines People Movers maximieren.

Und bei einem autonom-fahrenden Fahrzeug ist es sehr viel einfacher, dieses auch autonom zu warten, sprich: induktiv zu laden. Denkbar ist natürlich auch der Einsatz einer Brennstoffzelle. Der Vorteil ist die größere Reichweite als die eines reinen Elektroantriebs. Für den People Mover ist das aber überdimensioniert.

VM: Kann man das Chassis auch für gewerbliche Anwendungen, möglicherweise autonome Liefershuttles verwenden?

MK: Auf jeden Fall. Unsere Plattform lässt sich beispielsweise im Bereich Logistik einsetzen. Und wenn sie mit entsprechenden Systemen ausgestattet wird, ermöglicht sie auch autonomes Fahren (Advanced Driver Assistance Systems/ADAS Level 4 und 5). Hierbei entfällt der Fahrersitz, was bei gleichem Grundgerüst und Exterieur mehr Platz für Passagiere oder Transportgut schafft.

Der Markt für Cargo Mover ist zwar noch jünger und weniger entwickelt als für People Mover. Aber er bietet auch das größere Potenzial. Das sieht man täglich an dem Waren- und Zustellverkehr auf den öffentlichen Straßen.

Ich denke, dass vor allem der Lieferwagen in Sprinter-Größe ein Kandidat für autonomes Fahren ist. Die Last-Mile-Delivery verursacht nicht nur viel Verkehr, sondern auch – wenn nicht elektrisch – viel CO2 in den Innenstädten.

VM: Wie weit ist die autonome Fahrtechnologie an Bord? Ist im ersten Schritt ein „normaler“ Fahrerplatz mit Lenkrad und Cockpit denkbar?

MK: Es gibt bereits heute so genannte Level 4-Anwendungen in bestimmten Bereichen. Zur Zeit sind in der Regel noch zusätzliche infrastrukturelle Maßnahmen notwendig, damit autonomes Fahren realisiert werden kann.

Bis es zum vollständig freien Fahren kommt (Level 5) wird es noch ein bisschen dauern.

Hier müssen noch etliche Fragen, etwa juristischer Natur, geklärt werden. Wir blicken voller Zuversicht in die Zukunft, denn mit unserer Plattform für People Mover sind wir sehr gut aufgestellt.

VM: Welche weiteren Partner sind beim Shuttle-Chassis involviert?

MK: Unsere People Mover-Lösung basiert, wie gesagt, auf unserem Rolling Chassis. Hier sind Vibracoustic, Bosch und Pininfarina enge Partner bei der Entwicklung gewesen. Darüber hinaus arbeiten wir weltweit mit einem umfassenden Zulieferernetzwerk zusammen.

Grundsätzlich gilt: Durch unser starkes Partnernetzwerk sind wir in der Lage, auch komplette Shuttles zu entwickeln und zu fertigen.

Gemeinsam mit unseren Partnern bieten wir vorabgestimmte Lösungen an, in die unsere Kunden ihre ADAS-Systeme einsetzen können. BENTELER unterstützt Hersteller mit dem neuen Plattform-Konzept darin, kostengünstig sichere und umweltfreundliche E-Mobilitätslösungen zu entwickeln, die ihr Geschäft beschleunigen.

So sparen sie wertvolle Entwicklungszeit für einen schnellen Markteintritt.

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