Mobilitätsstudie: E-Mobilität verliert an Zustimmung

(ots) Die vierte Befragung in Folge zeigt: Die Bevölkerung verliert die Hoffnung bei der Schiene. Einkäufe in Städten werden weniger, Onlinebestellung mehr. Und: Das E-Auto verliert, Verbrenner legen zu.

Lange Leitung: Nach all den politischen Debatten um den Verbrennerausstieg und E-Mobilität verliert der E-Antrieb an Zustimmung. | Foto: dpa/Carsten Koall
Lange Leitung: Nach all den politischen Debatten um den Verbrennerausstieg und E-Mobilität verliert der E-Antrieb an Zustimmung. | Foto: dpa/Carsten Koall
Claus Bünnagel
(erschienen bei VISION mobility von Johannes Reichel)

Rund zwei Drittel der Deutschen glauben laut einer repräsentativen Umfrage der HUK Coburg, dass der Zustand des Verkehrsnetzes die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik behindert (63 %) und "nicht dem eines modernen Industrielandes entspricht" (68 %). Der Staat müsse hier "notfalls zulasten anderer staatlicher Aufgaben im sozialen oder kulturellen Bereich" investieren (62 %). Allerdings: Doppelt so stark wie die Straßen steht dabei das Schienennetz in der Kritik.

So glaubt zwar eine große Mehrheit von 75 Prozent, dass "die Verlagerung von Personenverkehr von der Straße auf die Schiene eine grundsätzlich richtige Strategie" ist. Doch mehr als die Hälfte (57 %) sind zugleich überzeugt, "dass das in der Praxis in Deutschland nicht funktioniert." Entsprechend glauben nur ganze 13 % der Bevölkerung, dass das Verkehrsnetz aus Straße und Schiene hierzulande besser ist als in vergleichbaren europäischen Ländern.

Wachsende Besorgnis vor staatlichen Reglementierungen

Die zum vierten Mal in Folge durchgeführte HUK-Mobilitätsstudie als repräsentative Befragung von mehr als 4.000 Personen ab 16 Jahren zeigt in diesem Jahr auch eine wachsende Besorgnis vor staatlichen Reglementierungen. Jeder Vierte befürchtet bei neuen Mobilitätskonzepten "zu starke öffentliche Bevormundung" – im Vorjahr war es erst jeder Fünfte. Ebenso gestiegen ist die Sorge vor "Verlust an Individualität und Selbstbestimmung" (von 19 % auf 23 %). Interessant aber: Jeder dritte Befragte befürchtete im Vorjahr noch, "dass sich zu einseitig auf batteriebetriebene Elektroantriebe konzentriert wird gegenüber anderen klimaneutralen Techniken (etwa Wasserstoff, E-Fuels etc.)". Dieser Anteil ist nun deutlich gefallen (von 33 % auf 26 %).

"Wir sind jetzt am entscheidenden Punkt in der Mobilitätspolitik: Die Bürger brauchen Klarheit und Konsistenz bei staatlichen Programmen und Strategien, denn insbesondere bei der Elektromobilität ist eine Bereitschaft zum Umstieg gerade bei jüngeren Fahrern da", erklärt Dr. Jörg Rheinländer, Vorstandsmitglied bei der HUK-COBURG:

E-Autos verlieren – Auto bleibt insgesamt am beliebtesten

Tatsächlich hat laut HUK-Mobilitätsstudie der Wegfall der staatlichen Kaufprämie Ende 2023 bei jedem Vierten (24 %) die Kaufbereitschaft für ein E-Auto reduziert oder ganz verschwinden lassen, in Berlin sogar bei fast jedem Dritten. Und: Doppelt so stark war diese Reaktion bei den Jüngeren unter 40 Jahren im Vergleich zu den Älteren (38 % zu 17 %). Es besteht grundsätzlich ein großer Generationen-Unterschied bei der Bewertung von Elektroautos. Die unter 40-Jährigen sehen im E-Auto fast doppelt so häufig das ideale Verkehrsmittel der Zukunft (22 %) wie die über 40-Jährigen (12 %).

Weil sich unter den Älteren die Bewertung des E-Autos seit dem Vorjahr nochmals stark verschlechtert hat, fällt insgesamt auch die Einschätzung des E-Autos als ideales zukünftiges Verkehrsmittel gegenüber 2023 zurück (von 19 % auf 15 %). Noch stärker sinkt die Bewertung von Autos mit alternativen klimafreundlichen Antrieben wie Wasserstoff oder E-Fuels (von 18 % auf 12 %).

E-Fuels verlieren als Hoffnungsträger

Während die Sympathie gegenüber herkömmlichen Verbrennungsmotoren offenbar wieder ansteigt, zeichnet sich ein gegensätzlicher Trend bei den klimafreundlichen Antriebsalternativen ab. Als eine der wichtigsten Erstmaßnahmen innerhalb eines zukunftsfähigen Mobilitätskonzeptes für Deutschland waren im Vorjahr noch 16 % der Bevölkerung für einen Umstieg auf klimaneutrale Kraftstoffe (E-Fuels). Die aktuelle Mobilitätsstudie der zeigt nun eine Verringerung auf nur noch 9 %, was schon beinahe der Hälfte entspricht. Auch der Wunsch nach einem Umstieg auf Autos, die mit Wasserstoff oder Brennstoffzellen betrieben werden, geht von 25 % auf 14 % ähnlich drastisch zurück. Die Forderung nach einem sofortigen Umstieg auf batteriebetriebene Elektroautos liegt bei nur 6 % und hat sich damit seit der letzten Umfrage nicht verändert.

Interessant ist aber: Mit einer Nennung von 72 % – exakt wie im Vorjahr – bleibt unter allen Befragten das Auto insgesamt mit weitem Abstand das Verkehrsmittel, das auch in Zukunft am besten ihre Anforderungen an Mobilität erfüllt.

"Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass konventionelle Autos mit Verbrennungsmotoren in der Gunst der Deutschen wieder aufgeholt haben", resümiert Dr. Jörg Rheinländer.

Verändertes Mobilitätsverhalten

Aufgrund der aktuellen Rahmenbedingungen haben fast zwei Drittel der Deutschen ihr Mobilitätsverhalten verändert. Ein Drittel (33 %) kauft nach eigenen Angaben mehr im Internet ein. Ebenso viele fahren zum Einkaufen weniger in die Innenstädte. Jeder fünfte Befragte (21 %) kommuniziert mit Freunden und Verwandten häufiger digital, statt sie persönlich zu besuchen. Und eine fast ebenso große Gruppe hat den Besuch von Veranstaltungen wie Konzerten oder Theatervorführungen eingeschränkt (19 %).

Besseren ÖPNV als Sofortmaßnahme – Tempolimit auf Rang 3

Als Sofortmaßnahme für bessere Mobilität fordern vier von zehn Bundesbürgern den Ausbau des Angebots an Bussen, Bahnen und öffentlichem Personennahverkehr (41 %) sowie niedrigere Kosten hierfür (40 %). Dies entspricht in etwa auch dem Vorjahresergebnis. Die Forderung aber nach stärkerer Reduzierung des Autoverkehrs in den Städten geht zum Vorjahr zurück (32 auf 28 %). Fast doppelt so viele Befragte wie im Vorjahr erwarten jetzt sogar eine künftig wachsende Rolle des Autos bei Mobilitätskonzepten (17 zu 10 %). Auch die Forderung eines Tempolimits von 130 km/h auf Autobahnen steht, wie schon im Jahr 2023, als Sofortmaßnahme auf Position drei. Im Vergleich zum Vorjahr, wo 28 % diese Maßnahme als dringend erforderlich hielten, hat sich der Trend mit 27 % in diesem Jahr nur leicht abgeschwächt.

Große Unterschiede zwischen den Bundesländern

Die HUK-Mobilitätsstudie erlaubt auch Vergleiche zwischen den 16 Bundesländern. Während etwa nur ein Drittel der Befragten in Mecklenburg-Vorpommern (35 %) auf das tägliche Pendeln ins Büro für Klimaziele verzichten würde, sind es in Hamburg und Berlin jeweils mehr als die Hälfte (58 %). Das Ergebnis in diesen Stadtstaaten zeigt, welche Bedeutung ein belastbarer ÖPNV auf Einstellungen und Verhalten der Bürger beim Thema Mobilität haben kann. So ist in Hamburg und Berlin etwa jedem Zweiten das Thema Mobilitätskonzepte auch "äußerst" oder "sehr wichtig". In Brandenburg ist das bei jedem Dritten (33 %) der Fall – der bundesweit niedrigste Wert.