Aktuelle Brennstoffzellenbusprojekte in Europa – die große Übersicht

Hier eine Auflistung der aktuellen Wasserstoffaktivitäten im Busbereich.

Wuppertal ist eine der Wasserstoffhochburgen im deutschen ÖPNV. Doch auch im übrigen Europa gibt es zahlreiche Projekte rund um den Brennstoffzellenbus. (Foto: WSW mobil)
Wuppertal ist eine der Wasserstoffhochburgen im deutschen ÖPNV. Doch auch im übrigen Europa gibt es zahlreiche Projekte rund um den Brennstoffzellenbus. (Foto: WSW mobil)
Claus Bünnagel

In Europa wurden im Zeitraum 2012 bis 2020 rund 150 Brennstoffzellenbusse in Betrieb genommen. Die Anschaffung von mehr als 1.200 weiteren steht europaweit in den Planungen. Global waren laut Angaben von BloombergNEF Ende 2020 rund 4.250 in Betrieb. Das ist natürlich nur ein kleiner Prozentsatz bei rund 1,5 Mio. aktuell operierender Busse aller Antriebsarten.

Förderung ist alles

Realität ist aber auch: Ohne Förderung geht wenig im Wasserstoffbereich. Alle heute in Europa verkehrenden Brennstoffzellenbusse wurden im Rahmen von Projekten gekauft, die von der EU selbst kofinanziert wurden. Über 200 Wasserstoffbusse wurden im Rahmen der von so unterstützten Projekte Jive 1 und Jive 2 bestellt, den wichtigsten europäischen Vorhaben zu dieser Technologie. Die ersten 50 Jive-2-Busse sind bereits in Betrieb. Elf europäische Städte und Regionen – Aberdeen (GB), Auxerre (F), Barcelona (E), Birmingham (GB), Emmen (NL), Groningen (NL), London (GB), Südholland (NL), Bozen (I), Toulouse (F) und Wiesbaden (D) – kommen bis Ende 2021 als Jive-Standorte zu den bereits vorhandenen dazu. Im Verlauf des Jahres 2021 sollen im Rahmen von Jive 1 und 2 dann 360 Brennstoffzellenbusse unterwegs sein. 

Aktivitäten in Asien

In größerem Maß gefördert werden diese auch in China und Südkorea, wo man zudem eine industrielle Wertschöpfungskette rund um den Wasserstoff aufbauen möchte. Die Stadt Nanjing in China beispielsweise plant, die batterieelektrische Busflotte von nicht weniger als 7.000 Fahrzeugen auf Wasserstoff umzustellen.

Die Kosten pro Fahrzeug

Kostete erste Wasserstoffbus im Jahr 2010 noch 1,8 Mio. Euro, liegt das aktuelle Preisziel bei 625.000 bis 650.000 Euro. 

Die Hersteller

Van Hool

Seit Dezember 2020 sind Van-Hool-Brennstoffzellenbusse 10 Mio. Kilometer gefahren. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden 141 Fahrzeuge ausgeliefert oder bestellt. Darüber hinaus hat der belgische Busbauer Folgeaufträge von Kunden wie Qbuzz in Groeningen erhalten, die 2017 zwei Fahrzeuge gekauft und 2020 weitere 30 Einheiten bestellt haben. Der RVK Köln orderte 2019 zu den bereits zwei vorhandenen weitere 35 Brennstoffzellenbusse und Exqui.City 18 FC vor. Letzterer debütierte im Dezember 2019 im südfranzösischen Pau im Rahmen des weltweit ersten wasserstoffbetriebenen BRT-Systems. Acht 18-m-Brennstoffzellenbusse bedienen 14 Haltestellen auf einer 6 km langen BRT-Fahrspur mit Prioritätsvorrang an Kreuzungen. 

Ich denke, dass Batterie- und Wasserstoffbusse nebeneinander existieren werden. Wenn der Betreiber die Anzahl der Fahrzeuge nicht verdoppeln möchte und eine größere Reichweite benötigt, ist Wasserstoff die beste Anwendung. Wir glauben aber nicht nur an Wasserstoff: Wir haben auch Batteriebusse im Portfolio. Heute ist alles erforderlich. (CEO Filip Van Hool)

Solaris

Der polnische Hersteller Solaris Bus & Coach präsentierte auf dem UITP Global Public Transport Summit 2019 seinen ersten Brennstoffzellenbus vom Typ Urbino 12 hydrogen. Die Wasserstoffversion des Urbino ist im Wesentlichen gleich zum batterieelektrischen Gegenstück konstruiert: Die Wasserstofftanks sind auf dem Dach angeordnet, das Traktionssystem bleibt unverändert. Die schnellladefähigen Hochleistungsbatterien fallen allerdings kleiner als aus als beim Urbino electric, meist in der Größenordnung von 30 kWh. Das Herzstück des Wasserstoffbusses ist der Brennstoffzellen-FCmove-HD-70-kW-Stack von Ballard Power Systems, dem weltweit führenden Anbieter von Brennstoffzellen für schwere Nutzfahrzeuge. Ballard kann auf Kooperationen mit Van Hool und VDL sowie mit dem britischen Hersteller Wrightbus verweisen. 

Der italienische Betreiber SASA Bozen hat als erster Brennstoffzellenbusse bei Solaris – zwölf Einheiten insgesamt. Der erste der bestellten Busse ist bereits in Südtirol eingetroffen, der Rest soll im Verlauf des Jahres 2021 folgen. Erwähnenswert ist, dass SASA im Rahmen des EU-finanzierten CHIC-Projekts (Clean Hydrogen in European Cities) bereits Wasserstoffbusse eingesetzt hat, nämlich fünf Mercedes-Benz Citaro-Brennstoffzellenbussen. Die Fahrzeuge sind noch in Betrieb. 

CaetanoBus 

Der portugiesische Hersteller Caetano debütierte im Oktober 2019 bei der Busworld in Brüssel mit seinem H2.City Gold. Es gibt ihn übrigens auch als 10,7-m-Variante. Seine Brennstoffzelle liefert Toyota. Bekannt ist diese aus dem H2-Auto Mirai. Die Zusammenarbeit mit dem japanischen Weltkonzern wurde Ende 2020 verlängert, als eine strategische Allianz angekündigt wurde: Toyota Europe hat sich mit CaetanoBus und Finlog zusammengetan, um die Entwicklung und Produktion von Bussen in Europa zu forieren.

Rampini 

Rampini wird voraussichtlich auf der Busworld Brüssel 2021 einen 8 m langen batterieelektrischen Bus mit Brennstoffzellen-Range Extender herausbringen. 

Ein solches Fahrzeug gibt es nirgendwo auf der Welt. Und diese Technologie können wir natürlich auch beim 6 m langen Rampini E60 einsetzen. (General Manager Fabio Magnoni)

Safra 

Im Jahr 2019 brachte Safra einen in Frankreich hergestellten Brennstoffzellenbus auf den Markt, der in Zusammenarbeit mit der Michelin-Tochter Symbio – dem Wasserstoffspezialisten der Michelin-Gruppe – hergestellt wurde. Der Safra Businova H2 bietet laut Hersteller eine Reichweite von 300 km nach 30 Minuten Ladezeit der Batterien. Die ersten Einheiten – insgesamt sechs – wurden an Artois-Gohelle geliefert. Weitere fünf gehen nach Auxerre. Safra und Symbio entschieden sich für ein intelligentes Hybridsystem, das ein 30-kW-Brennstoffzellenmodul (Modell H2Motiv) mit einem 132-kWh-Akku, also einer „Mid-Power“-Einheit, kombiniert. Dies bedeutet, dass der Bus weniger Wasserstoff führt als eine „Full-Power“-Lösung mit einer kleinen Batterie und einer großen Brennstoffzelle. Zum Vergleich: Der Solaris Urbino 12 hydrogen vesitzt eine 29-kWh-Batterie. 

Brennstoffzellenbusse: Bilanz 2020

2020 war ein Rekordjahr bei den Bestellungen von Brennstoffzellenbussen. Köln und Wuppertal in Deutschland sind landesweit führend: 15 Wasserstoffbusse von Solaris wurden von der RVK bestellt, und zehn weitere Einheiten fahren nach Wuppertal zur WSW mobil. Zuvor hatten die beiden Verkehrsunternehmen auch eine Flotte von 40 Van Hool A330 FC-Brennstoffzellenbussen zusammen bestellt – mit ersten Auslieferungen in Wuppertal Ende 2019. 

Ein kleiner Auftrag für Solaris kam aus Schweden, wo Transdev zwei Brennstoffzellenbusse in der Stadt Sandviken einsetzen wird. Sie werden die ersten Wasserstoffbusse sein, die im schwedischen öffentlichen Verkehr unterwegs sein werden. Die Beschaffung von acht Brennstoffzellenbussen durch TMB Barcelona im Sommer 2020 hat viel Aufmerksamkeit erregt. Die Roadmap von TMB zur Dekarbonisierung der Busflotte in Barcelona setzt das Ziel, bis 2024 alle reinen Dieselbusse mit Ausnahme der Kleinbusse zu ersetzen. Im September 2020 wurde der Auftrag an CaetanoBus vergeben. Von dessen Modell H2.City Gold werden auch einige Einheiten nach Niebüll und Bielefeld gehen. 

Hyzon Motors

An der oben erwähnten Ausschreibung von TMB Barcelona ist sehr interessant, dass drei Angebote eingereicht wurden: Neben CaetanoBus und Solaris war auch Hyzon Motors Europe BV und Holthausen Clean Technology BV, das Joint Venture des neuen Players Hyzon Motors in Europa, im Rennen. Hyzon Motors wurde Mitte März 2020 offiziell vorgestellt und ist aus dem Unternehmen Horizon Fuel Cell Technologies hervorgegangen. Zunächst auf Wasserstoff-Schwerlastfahrzeuge spezialisiert, will das Unternehmen mit Sitz im Bundesstaat New York Ende dieses Jahres mit der Serienproduktion von Lkw und Bussen beginnen. Am 4. April 2020 gab Hyzon Motors auf Linkedin bekannt, dass „Hyzon Motors ein Memorandum of Understaing mit einem Kunden über 1.000 Einheiten seines 12-m-Brennstoffzellenbusses unterzeichnet hat. Ziel ist es, die ersten 50 Einheiten in etwa zwölf Monaten nach dem formellen Vertragsabschluss auszuliefern“. 

Wir prüfen auch die Möglichkeit, mit europäischen Busherstellern zusammenzuarbeiten, um an Ausschreibungen für Wasserstoffbusse teilzunehmen. Wir stellen keine Fahrgestelle und Vollfahrzeuge her: Wir konzentrieren uns auf Brennstoffzellenantriebe und Wasserstoffsysteme. Daher ist es wichtig, dass wir Partnerschaften eingehen. Wir wollen in Europa aktiver sein. Wir werden 2021 in ein größeres Werk umziehen, um die Serienproduktion zu ermöglichen. Wir planen, im Jahr 2021 in Bezug auf die Teilnahme an Ausschreibungen viel aggressiver zu werden, und wir werden mit unserer Brennstoffzellentechnologie an einer Fahrzeugpalette für den europäischen Markt arbeiten. (Craig Knight, CEO von Hyzon Motors)

Brennstoffzellenbusse mit Anhänger

Die imaginäre Auszeichnung für das bislang originellste Wasserstoffbuslayout geht an den von VDL ab Sommer 2020 hergestellten und von Connexxion in den Niederlanden getesteten Brennstoffzellenbus mit Anhänger. Auf diese Weise wurde ein batterieelektrischer Bus mit Brennstoffzellen-Range-Extender realisiert. Letzterer wurde von der Bosch Engineering GmbH zusammen mit VDL Enabling Transport Solutions im Rahmen des EU-finanzierten GiantLeap-Projekts entwickelt. Die Brennstoffzellenstacks wurden von Ballard Power Systems bereitgestellt. Die Fahrzeuge verkehren zwischen Rotterdam und der Isle of Goeree Overflakkee. 

Flixbus 

FlixBus gab Ende 2019 bekannt, dass die Gruppe daran arbeitet, die Einführung von Wasserstoffbussen in ihrem Fernbusnetz vorzubereiten. Dazu wurde eine Partnerschaft zwischen der grün- und orangefarbenen Marke mit Freudenberg Sealing Technologies gestartet. Nach den bisher veröffentlichten Informationen wird erwartet, dass eine stattliche Flotte von 30 Flixbus-Brennstoffzellenbussen mit einem Hybridantriebsstrang – der das Brennstoffzellenmodul mit Batteriepacks kombiniert – ausgestattet wird. Die beiden Unternehmen streben im Rahmen des „Nationalen Innovationsprogramms Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie“ (NIP) auch eine öffentliche Förderung an. 

Wasserstoffbusse in Australien

Im Mai 2020 erblickte in Australien ein ehrgeiziges Projekt für Brennstoffzellenbusse das Licht. Erstes Ziel: 100 Wasserstoffbusse auf australischen Straßen. Im Rahmen des H2OzBus-Projekts werden sich Ballard Power Systems, BOC Limited, Palisade Investment Partners und ITM Power in der Projektgruppe zusammenschließten Die Partner haben dazu gerade ein Memorandum of Understanding unterzeichnet. 

Brennstoffzellenbusse in den USA 

In den USA wurde Anfang Februar 2020 eine Wasserstoffbusflotte von der Orange County Transportation Authority (OCTA) in Santa Ana, Kalifornien, in Betrieb genommen. Die Fahrzeuge des Modells New Flyer Xcelsior CHARGE H2 sind Bestandteil einer Bestellung von Anfang 2018. Neben dem Start der Wasserstoffbusflotte stellte OCTA auch die größte Wasserstofftankstelle des Landes für öffentliche Verkehrsmittel vor. Insgesamt werden 22,6 Mio. US-Dollar in das Projekt investiert. 

Ausblick auf 2021 und die weitere Zukunft

Die Brennstoffzellentechnik wird erst dann wettbewerbsfähig, wenn ein Verkehrsunternehmen 50 auf 100 Busse umrüsten möchten – vor allem dann, wenn sie von einem und demselben Betriebshof eingesetzt werden, wegen der Investitionen in die Infrastruktur. (Dan Raudebaugh, Exekutivdirektor des Zentrums für Verkehr und Umwelt CTE)

2021 wird der Mercedes-Benz eCitaro REX, also der eCitaro mit Brennstoffzellen-Range-Extender, sein Debüt mit Tests in Hamburg geben. Ab 2022 will die SWEG das Modell in Südbaden im regulären Linienverkehr einsetzen. Die Reichweite beträgt 400 km. Einen reinen Wasserstoffbus mit nur kleiner Pufferbatterie soll es dagegen vorerst aus dem Hause Daimler nicht geben. Langfristig gesehen plant der Konzern für das Jahr 2039, zumindest in den Hauptmärkten Europas, Nordamerikas und Japans nur batterieelektrische und wasserstoffbetriebene Busse und Lastwagen zu verkaufen.

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