Hamburg: Autonomes Ridepooling wird mit 26 Mio. Euro gefördert

ALIKE heißt der autonome On-Demand-Dienst, der als Projekt bis Oktober 2026 erprobt wird – zum Einsatz kommen Shuttles der Benteler-Tochter Holon und der ID. Buzz AD von VW. Für die zukunftsweisende mehrjährige Studie zur Verbesserung des ÖPNV-Angebotes gibt es Fördergelder im zweistelligen Millionenbereich.

Mit einem autonomen On-Demand-Verkehrsangebot soll in der Hansestadt eine Mobilitätslösung geschaffen werden, die den klassischen ÖPNV aus Bus und Bahn um ein neues Produkt ergänzt und eine attraktive Alternative zum Pkw darstellt. (Foto: Hochbahn)
Mit einem autonomen On-Demand-Verkehrsangebot soll in der Hansestadt eine Mobilitätslösung geschaffen werden, die den klassischen ÖPNV aus Bus und Bahn um ein neues Produkt ergänzt und eine attraktive Alternative zum Pkw darstellt. (Foto: Hochbahn)
Martina Weyh

Bis zu 10.000 autonom fahrende Shuttles könnten im Jahr 2030 auf Hamburgs Straßen unterwegs sein. Das sieht eine Vereinbarung des Bundesverkehrsministeriums (BMDV) mit der Freien und Hansestadt Hamburg vor. Mit einem modernen On-Demand-Verkehrsangebot soll in der Hansestadt eine Mobilitätslösung geschaffen werden, die den klassischen ÖPNV aus Bus und Bahn um ein neues Produkt ergänzt und eine attraktive Alternative zum Pkw darstellt.

Das Projekt hat eine Laufzeit von drei Jahren und gliedert sich in drei Hauptphasen: In der Vorbereitungsphase erfolgt die Projektfeinplanung sowie die Softwareentwicklung. In der Integrationsphase werden die Fahrzeuge mit der Betriebssoftware verknüpft. Zudem werden die Genehmigungen für Fahrzeuge und dem Betriebsbereich zum Beispiel gemäß der neuen Gesetzgebung zum autonomen Fahren eingeholt. Mit der Betriebsphase startet der autonome Ridepooling-Dienst ab 2025. Dann können auch die ersten Fahrgäste mit den Shuttles fahren.

ÖPNV zukunftsfähig verändern

Im Projekt ALIKE soll ein System mit autonomen Shuttles erprobt werden, die einfach per App gebucht werden können und den Fahrgast direkt abholen und ans Ziel bringen. Das System erfüllt strenge Sicherheitsanforderungen und soll auch überregional skalierbar und damit auch für ländliche Gebiete nutzbar sein. Ziel des Modellprojekts ist auch, die Akzeptanz von autonomen Fahrangeboten in der Praxis zu untersuchen. Die Projektergebnisse sollen die Grundlage für eine zukünftige kommerzielle Bereitstellung und Skalierung von Ridepooling-Diensten schaffen.

Das wegweisende ÖPNV-Projekt wird vom BMDV mit 26 Mio. Euro gefördert. Der Förderbescheid wurde gestern (23. Oktober) von Bundesverkehrsminister Dr. Volker Wissing im Beisein von Hamburgs Senator für Verkehr und Mobilitätswende Dr. Anjes Tjarks an das Projektkonsortium übergeben.

Konsortium mit sechs Projektpartnern

Sechs Projektpartner haben sich in diesem Konsortium zusammengefunden: die Hochbahn als Konsortialführer, der On-Demand-Dienst Moia, die Fahrzeughersteller Holon und Volkswagen Nutzfahrzeuge sowie das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) als Forschungspartner und die Hamburger Behörde für Verkehr und Mobilitätswende (BVM).

„Mit dieser breiten Allianz für das autonome Fahren setzen wir einen weiteren Punkt der gemeinsamen Verabredung mit dem Bund um, mit dem wir Hamburg zur Modellregion Mobilität weiterentwickeln wollen. Das autonome Ridepooling ist dabei das fehlende Puzzlestück zwischen dem klassischen öffentlichen Nahverkehr und den individuellen Mobilitätsbedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger. Mit ihm schaffen wir eine ganz neue Säule im ÖPNV, eine attraktive Alternative zum privaten PKW sowie eine entscheidende Voraussetzung, um den Hamburg-Takt fahren und allen Menschen in Hamburg binnen fünf Minuten ein öffentliches Verkehrsangebot machen zu können“, so Anjes Tjarks, Hamburgs Senator für Verkehr und Mobilitätswende.

Holon Mover und ID. Buzz AD decken unterschiedliche Bedürfnisse ab

ALIKE wird mit zwei Modellen von autonom fahrenden, vollelektrisch angetriebenen Shuttles in den Betrieb gehen. Der eine Shuttle kommt von der Benteler-Tochter Holon. Der Holon Mover ist einer der ersten mit Automobilstandards und bietet laut Hersteller ein Maximum an Sicherheit und Komfort für bis zu 15 Passagiere.

Mit 60 km/h Höchstgeschwindigkeit wird sich das Shuttle optimal in den Stadtverkehr eingliedern. Dabei ist es barrierefrei nutzbar, durch eine automatisierte Rampe, einen gesicherten Rollstuhlplatz sowie auditive und visuelle Unterstützung der Passagiere.

Das zweite Fahrzeug ist der ID. Buzz AD von Volkswagen Nutzfahrzeuge.  Es hat bereits die ersten Tests auf öffentlichen Straßen erfolgreich absolviert und wird das erste autonome Serienfahrzeug von Volkswagen sein. Der ID. Buzz AD bietet die ideale Größe für den Betrieb in Ballungsräumen – kompakt, wendig und mit optimaler Raumausnutzung.

„Der VW ID. Buzz AD bietet Großserientechnik, ein Self-Driving-System von Mobileye sowie die ideale Größe für den Einsatz in Großstädten wie Hamburg. Unsere Fahrzeuge nutzen Kameras, Radare und Lidare sowie Hochleistungsrechner. Auf dieser Basis entsteht eine der menschlichen Wahrnehmung überlegene 360°-Umfelderkennung für sichere Fahrbefehle. Die Fahrzeuge wurden bereits erfolgreich unter Realbedingungen in München und Austin getestet“, erklärt Christian Senger, Vorstand für die Entwicklung des Autonomen Fahrens bei Volkswagen Nutzfahrzeuge.

Gebündelte Expertise für Betriebskonzept und App-Entwicklung

In dem Projektkonsortium schließen sich mit der Hochbahn und Moia zwei etablierte Betreiber von Mobilitätslösungen zusammen, die u.a. Erfahrungen mit autonomen Fahrzeugen haben und mit der hvv switch-App und der Moia-App über leistungsfähige und akzeptierte Plattformen für Buchungen verfügen.

Die Betriebs- und Ridepooling-Software wird von Moia bereitgestellt. Das Unternehmen betreibt seit 2019 Europas größten vollelektrischen Ridepooling-Service mit Fahrerinnen und Fahrern in Hamburg und blickt auf umfassende Erfahrung im Aufbau und Betrieb von On-Demand-Verkehren zurück.

Die Hochbahn ist Deutschland zweitgrößtes Nahverkehrsunternehmen und verantwortete bis 2020/21 das erfolgreiche Forschungs- und Entwicklungsprojekt HEAT (Hamburg Electric Autonomos Transportation), bei dem erstmals Erfahrungen im Betrieb eines autonomen Shuttles im Linienverkehr in Hamburg gesammelt wurden (busplaner berichtete).

„ALIKE bringt ganz unterschiedliche Projektpartner mit ihren jeweiligen Stärken zusammen: Erstmals treiben Verkehrsunternehmen, Ridepooling-Anbieter, Fahrzeughersteller sowie Fachleute aus der Wissenschaft und der Politik das Thema autonomes Fahren gemeinsam voran. Das Ziel ist eine Mobilitätslösung, die sich auch auf andere Städte und Regionen ausweiten und übertragen lässt. Für ein solches gesamtheitliches System gibt es weltweit kein Vorbild“, erläutert Henrik Falk, Vorstandsvorsitzender der Hochbahn.

Begleitende Forschung zu gesellschaftlicher Akzeptanz und Verkehrswirkung

Die wissenschaftliche Begleitung übernimmt das Institut für Verkehrswesen (IfV) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Das IfV befasst sich mit allen Fragen im Mobilitätsbereich, die von gesamtgesellschaftlich begründeten Planungskonzepten bis hin zu technischen Entwicklungen des Verkehrs reichen. Mit einem interdisziplinär angelegten Konzept verfolgt das IfV das Ziel, den Verkehr effizient und nachhaltig zu organisieren, die Wirkungen neuer Mobilitätssysteme auf die Nutzenden zu erforschen und eine Systemintegration zu gewährleisten.

Die Behörde für Verkehr und Mobilitätswende (BVM) als weiterer Konsortialpartner stellt die politische Anbindung sicher und nimmt eine wesentliche Rolle im Genehmigungsverfahren ein. Innerhalb des ALIKE-Projektes soll das SAE Automatisierungslevel 4 (hochautomatisiertes Fahren) erreicht und umgesetzt werden.

Mit dem Projekt ALIKE wird zudem die gesellschaftliche Akzeptanz des autonomen Fahrens im öffentlichen Verkehr erforscht und das Mobilitätsverhalten der Öffentlichkeit modelliert. Geplant sind dafür unter anderem umfangreiche Informationsangebote und Befragungen. Die Ergebnisse fließen dann in die Modellierung ein, um anhand verschiedener Szenarien die Wirkungen des autonomen Angebotes zu bewerten.

Ein weiterer, assoziierter Partner ist die DRM Datenraum Mobilität GmbH. Diese wird das Konsortium unterstützen, einen geeigneten Anwendungsfall für einen europäischen Datenraum für den Bereich Mobilität (Mobility Data Space) zu definieren, um das Teilen von Daten zu stärken.