Türkisches Schnäppchen

Wer einen soliden, aber gleichzeitig günstigen Reisemidi sucht, sollte sich unbedingt mit dem Otokar Ulyso T beschäftigen. Ob er aber mitteleuropäischen Ansprüchen genügt, versuchten wir auf einer Testfahrt im anspruchsvollen Eifelterrain herauszufinden.

Freizeitpark am Nürburgring: Außendesign top, Kundenzuspruch mäßig. Beim davor geparkten Otokar Ulyso T könnte es sich genau andersherum verhalten. Bild: Bünnagel
Freizeitpark am Nürburgring: Außendesign top, Kundenzuspruch mäßig. Beim davor geparkten Otokar Ulyso T könnte es sich genau andersherum verhalten. Bild: Bünnagel
Claus Bünnagel
TEST

von Claus Bünnagel

Noch sind Otokar-Reisebusse eher seltene Exoten in deutschen und österreichischen Fuhrparks. Von den dort laufenden rund 100 Otokar-Einheiten sind ca. 80 % ÖPNV-Fahrzeuge. Sprich nur etwa 20 Reisebusse werden in den beiden Ländern betrieben. Das soll sich in Zukunft ändern – und zwar mit Modellen wie dem Ulyso T und einem dichteren Vertriebs-, After-Sales- und Servicenetz.

Beginnen wir mit letzterem. In Kontinentaleuropa zwischen Portugal und der Ukraine sind die Türken mittlerweile deutlich besser aufgestellt als noch vor wenigen Jahren. Dutzende Servicepunkte finden sich hier mittlerweile. Man greift auch auf Partnerwerkstätten anderer Marken wie Volvo, VDL oder MAN zu. 22 eigene Stützpunkte sind es mittlerweile in Deutschland und Österreich, wobei das Netz in einem breiten Streifen von der Eifel bis an die Ostseeküste und gerade in Mittel- und Ostdeutschland allerdings immer noch große Löcher aufweist. Dennoch: Entwicklung ist über die Jahre gesehen deutlich auszumachen.

Mit der Market Access Set-Up GmbH um Geschäftsführer Martin Scharrer und der OtoParts GmbH, beide in Schwaig am Münchner Flughafen ansässig, hat man inklusive Online-Teilehandel ein Instrumentarium an der Hand für einen schnellen und kundenorientierten Service. Lager im oberpfälzischen Hahnbach, in Bad Salzuflen und Kirchlengern, beide in Ostwestfalen, sorgen für einen relativ zügigen Teilenachschub. In der Hinterhand hat man noch die im September 2011 gegründete Otokar Europe S.A.S. mit Sitz in Roissy-en-France.

Agil und wendig

Mit diesen Daten und Fakten im Hintergrund machten wir uns auf die 164 km lange Testrunde mit dem Ulyso T durch die Eifel zwischen Bonn und Cochem mit Abstecher an den Nürburgring. Vor allem Fahrperformance, Ausstattung und Verarbeitung standen für uns dabei im Fokus.

Eine große Stärke der Reisemidis erschließt sich dem Fahrer üblicherweise auf den ersten Metern, meist schon, wenn er den Parkplatz verlässt. Denn dank starken Einschlags der einzelaufgehängten Lenkachsenreifen ist das Fahrzeug sehr agil und besitzt einen Wendekreis von lediglich 17.220 mm. Die Ortsdurchfahrt in Oeverich auf der Grafschaft mit enger Rechtskurve, sonst eine Klippe bei Bustests, nahmen wir dieses Mal im ersten Anlauf relativ problemlos, ohne dass es überhaupt zu größeren Stauungen auf dem schmalen Sträßchen gekommen wäre.

Auch im profilierten Eifel-Gelände waren wir zügig unterwegs. Die 320 Pferdestärken des Cummins-Reihensechszylinders bewältigten alle Aufgaben bei einem maximalen Drehmoment von 1.182 Nm weitestgehend souverän, auch wenn wir ohne Fahrgäste und Gepäck unterwegs waren und nur mit Beladung ein endgültiges Urteil gefällt werden kann. Dazu trug auch die nahezu perfekte Getriebeabstimmung der EcoLife-Automatik bei, die zur Serienausstattung zählt. Nur optional vorgesehen ist das ZF-6S1110-BO-Handschaltgetriebe.

Eine Besonderheit von Otokar-Modellen ist das mögliche Umswitchen von Eco- auf Power-Modus. Mit einem kurzen Umlegen des entsprechenden Schalters wechselt der Antrieb nämlich unverzüglich die Schaltstrategie. Gänge werden daraufhin länger ausgefahren bis in höhere Drehzahlen. Wer denkt, dass dies per se den Dieselkonsum erhöht, könnte falsch liegen. Womöglich sinkt der Verbrauch sogar. Denn Motoren mit kleinem Hubraum wie der ISB6.7 und seinem schon im Namen angedeuteten Volumen von 6,7 l mögen untertouriges Fahren oftmals gar nicht. Dann erhöht sich im Eco-Modus in bestimmten Fahrzuständen sogar sein Durst im Vergleich zur Power-Einstellung. Nicht alles an der Leistungsperformance des Ulyso T fiel jedoch zu unserer Zufriedenheit aus. Unangenehm machte sich die etwas poltrige Vorderachse bemerkbar. Getoppt wird sie allerdings von der Dana-Antriebsachse mit ihrem unangenehm mahlenden Geräusch. Eigentlich ist der Midi mit seinem kleinen Triebwerk und der offensichtlich guten aerodynamischen Gestaltung kein lautes Fahrzeug. Denn im Cockpitbereich ging es verhältnismäßig leise zu. Aber die geräuschintensive Gebläsearbeit der ständig unter Volllast laufenden und damit energiefressenden Lüfter der Sütrak-Klimaanlage in Kombination mit eben der brummenden Hinterachse sorgten dafür, dass wir im Heckbereich nur einen vergleichsweise mäßigen Wert von 68,5 dB(A) bei 100 km/h auf unserem Schallpegelmessgerät ablesen konnten.

Licht- & Schattenseiten

Wo wir gerade bei dem Thema Lärmpegel sind: Die akustische Warnung des Spurhalteassistenten dröhnte bei Überfahren einer Linie penetrant durch den Bus – sicherlich wenig vertrauenserweckend für die Passagiere. Hier sollte Otokar unbedingt auf einen Vibrationsalarm im Sitzkissen wechseln oder wenigstens den Warnton in seiner Lautstärke reduzieren. Auch beim Rückwärtsrangieren ertönte ein zu lautes akustisches Signal. Zudem arbeitete der Parksensor zu unsensibel und meldete sich selbst bei noch weit entfernten seitlich oder rückwärtig abgestellten Fahrzeugen.

Kommen wir von der Arbeit des Fahrers zum Fahrerarbeitsplatz. Er fällt durch Zweckmäßigkeit, aber nicht durch Schönheit oder besonders gelungene Lösungen auf. Das Lenkrad zählt noch zur rustikalen Bauart ohne Multifunktionstasten. Auch die digitale Anzeige im Zentraldisplay scheint ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein und erinnert in seiner pixeligen Darstellung an Atari-Computerspiele der 1980er-Jahre. Über sechs Druckknöpfe unter dem Monitor wird touchscreenfrei durch die Menüs gezappt. Dafür gibt es wenigstens rechtsseitig vom Fahrer ein kleines Fach z.B. fürs Handy und eine USB-Buchse mit Kunststoffabdeckung. Ansonsten sind Ablagen im Cockpit echte Mangelware, abgesehen vom runden Getränkehalter mit äußerst labbriger, ungenügend befestigter Gummilippe. Gleiches gilt für die Halterung des Schwanenhalsmikrofons an der B-Säule. Nicht gefallen dürften vielen Fahrern auch die stehenden Pedale, die nicht unbedingt eine feinfühlige Bedienung erlauben. Mehr vertraut sein dürften die Chauffeure dagegen mit dem bekannten Grammer-Sitz.

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Moin aus dem Erlebnisland!

Dort thronen sie erheblich komfortabler als der bedauernswerte Reisebegleiter. Dessen Gestühl ließ sich nicht final arretieren, zudem bietet es keinerlei Seitenhalt. Auch die Fußraumaussparung in den Frontarmaturen ist nicht ausreichend dimensioniert – Personen ab 1,80 m Körpergröße dürften sich in ihrer Sitzposition deutlich eingeschränkt sehen. Der rechte Ellenbogen befand sich gleichzeitig in ständiger Gefahr einer unangenehmen Kollision mit dem Haltegriff des Einstiegs. Allgemein bietet der Reisebegleiterplatz in heutigen Reisebussen aus Spargründen nicht mehr die Annehmlichkeiten früherer Tage, aber die Ausführung im Ulyso T setzt in dieser Kategorie noch ein unrühmliches Highlight.

Mehr überzeugen kann der Passagierraum. Mit dem Fußbodenbelag Tarabus Anticwood in Holzbodenoptik, den LED-Lichtbändern an der Fahrzeugdecke und den 
34 Fahrgastsitzen in Stoff-Leder-Kombination von FKT Koltuk Sistemleri A.S,., einer türkischen Kiel-Tochter, präsentiert er sich durchaus hübsch und ansehnlich. Besonders gut gefallen haben uns die beiden Handysteckfächer an den Innenseiten jedes Doppelsitzes mit jeweils darunter platzierter USB-Schnittstelle, die allerdings große Smartphones nicht aufnehmen können. Auch die klappbaren Sitztische besitzen Aussparungen für modernes Gerät, wie Vertiefungen für Tablets. Die Sitzgurte allerdings fielen durch eine schwergängige Bedienung auf und rollten sich nach dem Öffnen aus dem Schloss teilweise nicht komplett auf. Originelle Lösung: Die Lichtreihen an den Servicesets zeigen blaues Licht, wenn diese frei sind, und rotes bei Belegung.

Leider trübt auch im Fahrgastraum die mitunter nachlässige Verarbeitung den zunächst guten Eindruck. Die Nähte an den Teppichbodenstücken lösten sich bereits im Neuzustand, die Abdeckungen der beiden LED-Lichtreihen waren unterschiedlich lang dimensioniert, die Rückenlehne der letzten Sitzreihe vor dem Heckeinstieg stieß in abgeklappter Stellung gegen den Haltegriff nahe der Tür, die zudem ein langes heraushängendes Kabel an der Führung aufwies. Das Zierband an der ebenerdigen Hecktoilette löste sich bereits ebenso wie der Kunststoffabschluss der Gepäckablage und die Lampe oberhalb des WC. Unterschiedliche Schrauben mit teilweise fehlenden Plastikabdeckungen rundeten das unbefriedigende Bild nach unten ab. Auch die Spaltmaße zeigten eine breite Palette von sauber bis dürftig.

Einen unglücklichen Eindruck machte auch die Raumaufteilung im Heckbereich. Zwischen Heckeinstieg und dem linksseitig im Fahrzeug angeordneten WC befanden sich noch zwei Einzelsitze – die wohl unbeliebtesten beiden Plätze im Reise-Universum. Die dürften sich nur mit kräftigen Abschlägen oder einkalkulierten Klagen nach Reiseabschluss verkaufen lassen. Wenigstens soll künftig der nach hinten offene Heckbereich noch mit einem nützlichen Schrank gegen Geräuschimmissionen geschützt werden.

Nettopreis: 175.000 Euro

Bei aller Kritik an Gestaltung und Verarbeitung: Man darf nicht vergessen, dass der Ulyso T, wenn auch vom Fahrzeugkonzept nicht ganz vergleichbar, mit einem Nettopreis von 175.000 mehr als 100.000 Euro günstiger ist als ein Setra S 511 HD und rund 90.000 Euro preiswerter als ein VDL Futura FHD2-106. Selbst der kürzere Temsa MD 9 liegt mit ca. 170.000 Euro auf demselben Niveau.

Für das relativ wenige Geld erhält man eine üppige Ausstattung: Automatikgetriebe, Alufelgen, umfangreiche Sicherheitssysteme mit Notbrems- und Spurhalteassistent, Doppelverglasung, Miniküche, Kühlschrank, Feuerlöschsystem und vieles mehr (siehe „Ausstattung“ in unserem Datenblatt). Man kann auch keinen Porsche zum Preis eines VW Golf erwarten. Dann muss man eben Abstriche machen etwa beim etwas biederen Außendesign des Fahrzeugs. Für VIP-Fahrten mit dem Vorstand des DAX-Konzerns eignet es sich sicher eher weniger. Dafür aber, um in Zeiten sinkender Pax-Größen 34 bis maximal 43 Reisende – im letzteren Fall ohne Toilette und mit geringeren Sitzabständen – sicher und halbwegs komfortabel ans Ziel zu bringen. Die Robustheit der Otokar-Modelle, langjährig erprobt im mitunter unwegsamen Gelände Vorderasiens und Osteuropas, spricht zudem für lange Einsatzzeiten bei moderaten Wartungskosten. So könnte manch einer durchaus ein Schnäppchen machen. ■

Fazit: Hit oder Flop?

Wer mit dem Gedanken spielt, einen oder mehrere Otokar Ulyso T anzuschaffen, der sollte zuvor noch tiefer in sich gehen, als es eh vor einem Kauf üblich ist: Passt meine Klientel zum Fahrzeugprofil? Wie und wo soll der Reisemidi eingesetzt werden? Sind Service und Ersatzteilversorgung gewährleistet? Wer alle diese Fragen positiv für sich beantwortet, der könnte womöglich einen echten Hit mit ihm landen. Für andere dürfte sich der türkische 10-m-Bus eher als Flop erweisen. So weit ist die Bandbreite selten. Otokar selber sollte noch am Qualitätsmanagement arbeiten. Viele unschöne Details lassen sich sicherlich relativ leicht ausmerzen. Dann könnte der Ulyso T durchaus eine erfolgversprechende Zukunft vor sich haben. Ansonsten bleibt er einer der vielen Importsterne auf dem mitteleuropäischen Markt, die viel zu früh verglüht sind.

Datenblatt: Otokar Ulyso T

Motor

Stehend eingebauter Reihensechszylinder Cummins ISB6.7E6C320, Euro 6, OBD-C

Hubraum: 6.700 cm3

Nennleistung: 235 kW/320 PS bei 
2.300 min–1

Max. Drehmoment: 1.182 Nm bei 1.150 bis 1.400 min–1

Kraftübertragung

Getriebe: Automatikgetriebe ZF EcoLife

Antrieb: auf die Hinterachse, i = 4,300

Fahrwerk

VA: ZF IFS Einzelradaufhängung, 
2/2 Luftbälge/Stoßdämpfer

HA: Dana 826293

Felgen/Reifen: Alcoa 19,5 x 7,5“/
Michelin X Multi 265/70 R 19,5

Lenkung: Hydrolenkung Hema 8098

Bremsanlage/Assistenzsysteme

EBS mit ABS und ASR, ESP, Intarder, Scheibenbremsen von Knorr, Tempomat, Notbremsassistent von Knorr, Spurhalteassistent

Ausstattung (Auswahl)

Einteilige, beheizbare Frontscheibe, Doppelverglasung von Türen und Seitenscheiben, Licht-Regen-Sensor, Rückfahrkamera, akustischer Parksensor, elektrisch verstellbare und heizbare Spiegel, Klimaanlage Sütrak AC 343 mit 24 kW Leistung, Frontbox (3,5/11 kW), Zusatzheizung Eberspächer Hydronic L-II HL2-24 (Diesel), Konvektoren im Fahrgastraum, doppelverglastes und elektrisches Fahrerfenster, Sonnenrollos (Frontscheibe elektrisch, Fahrerfenster manuell), Fahrersitz Grammer 90,6 (beheizbar und klimatisiert), digitaler Fahrtenschreiber von VDO, zwei Steckdosen für Fahrer (12/24 V), US’B-Steckdose für Fahrer, Schwanenhalsmikrofon, Bosch-Radio mit USB/CD/DVD/MP3-Player, WLAN (optional), 2 x 21“ LCD-Bildschirme, Fußbodenbelag Tarabus Anticwood in Holzbodenoptik, Fahrgastsitze von FKT Koltuk Sistemleri A.S‚., LED-Leuchtbänder, blaue LED-Stufenbeleuchtung, Miniküche von Starcool mit 5-l-Heißwasserboiler und Kaffeekanne am Einstieg 1,42-l-Kühlschrank im Armaturenbrett, WC, Feuerlöschsystem für Motorraum, Brandmelder für Kofferraum und WC

Maße und Gewichte

Länge/Breite/Höhe (mit Dachklimaanlage): 10.100/2.410/3.255 mm

Radstand: 5.000 mm

Überhänge (v/h): 2.208/2.892 mm

Wendekreis: 17.220 mm

Steigfähigkeit: 34 %

Innenstehhöhe: 1.986 mm

Leergewicht: 10.890 kg

Zul. Achslasten (VA/AA): 5.000/9.440 kg

Zul. Gesamtgewicht: 14.440 kg

Fahrgastkapazität: 34+1+1 Sitzplätze

Tankinhalt (Diesel/AdBlue): 350/30 l

Gepäckraumvolumen: 5,5 m3

Preis

Testbus (netto): 175.000 Euro

Wertung

+++ Kaufpreis, umfangreiche Ausstattung, Wendigkeit, gut dosierter und abgestimmter Antrieb, zwei Fahrmodi Eco und Power, hübsche Innenraumgestaltung

--- Unkomfortables und lautes Fahrwerk, geräuschvolles Gebläse, ungenügender Reisebegleiterplatz, unattraktives Cockpit, mäßige Verarbeitung im Fahrzeuginnern, ungünstige Raumaufteilung im Heckbereich, wenig ansprechendes Außendesign

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