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Schwimmendes Denkmal

Traditionsschiff Die „Grönland“ gehört zur Flotte des Deutschen Schifffahrtsmuseums in Bremerhaven und ist eines der ältesten aktiven Segelschiffe in Deutschland. Mit dem Einmaster fuhr 1868 die erste deutsche Nordpolexpedition in die Arktis.

Der Einmaster Grönland gehört zur Flotte des Deutschen Schiffahrtsmuseum. Bild: DSM
Der Einmaster Grönland gehört zur Flotte des Deutschen Schiffahrtsmuseum. Bild: DSM
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Bert Brandenburg

Bis heute drang nie wieder ein Segelschiff ohne Motor so weit in Richtung Norden vor, wie die „Grönland“. Der Einmaster des Deutschen Schifffahrtsmuseums (DSM) in Bremerhaven gehört weltweit zu den beeindruckendsten Segelschiffen. „Für uns ist die ‚Grönland‘ ein absoluter Glücksfall“, schwärmt Dr. Lars Kröger. Der 34-Jährige steht im Neuen Hafen in Bremerhaven auf den Holzplanken des Schiffsdecks und weiß, wovon er spricht. Er ist Schiffsarchäologe am Deutschen Schifffahrtsmuseum. „Normalerweise werden solche Schiffe für eine Nutzung von 30 bis 40 Jahren gebaut. Dass die ‚Grönland‘ überhaupt noch existiert, grenzt an ein Wunder.“ Für das DSM ist der hölzerne, 26 Meter lange Einmaster der schwimmende Beleg, wie Polarforschung vor 
150 Jahren betrieben wurde.

Vom Fischerboot zum Expeditionschiff

Ursprünglich im Jahr 1867 für den Fischfang in Norwegen gebaut, bekam die „Grönland“ schnell ein anderes Ziel. Der deutsche Polarforscher Carl Koldewey suchte für seine privat finanzierte Arktisexpedition ein taugliches Segelschiff – im norwegischen Bergen wurde er 1868 fündig. „Die ‚Grönland‘ zeichnet sich durch ihre eisgängige Rumpfform und die stabile Bauweise aus. Koldewey ließ die dicke Außenhaut aus Eichenholz noch zusätzlich mit Holz verstärken“, erklärt Lars Kröger. Er steigt über die steile Holztreppe in den dunklen Schiffsrumpf hinunter. Links und rechts an den Seitenwänden sind heute wie damals die Schlafplätze für die zwölf Besatzungsmitglieder. Von der Decke hängen Petroleumlampen. Lars Kröger zückt ein Feuerzeug. Der Docht der Lampe flammt auf. „Hat sich nicht viel an Bord geändert seit damals“, betont der Archäologe.

Am 24. Mai 1868 brach die zwölfköpfige Mannschaft unter Kapitän Koldewey in Bergen mit der Nordischen Jagt auf und segelte mehr als drei Monate lang durch arktische Gewässer. Es sollte ein Weg durch das Packeis zum Nordpol und zu eisfreiem Wasser gefunden werden. Dieses Ziel hat die „Grönland“ zwar nicht erreicht. Aber es wurden Daten zu Luft- und Wassertemperatur, Windstärken, Eisdicken und Meeresströmungen gesammelt. Viele der wissenschaftlichen Ergebnisse haben bis heute Gültigkeit „Wir wissen durch die Aufzeichnungen dieser Expedition auch viel darüber, wie zu damaliger Zeit mit welchen Geräten welche Messungen durchgeführt wurden“, sagt Lars Kröger. Am 10. Oktober 1868 kehrte die „Grönland“ von der ersten deutschen Arktisexpedition zurück und lief unter dem Jubel der Bevölkerung in Bremerhaven ein.

Drei Jahre später wurde der Segler wieder nach Norwegen verkauft und verschwand dann in den Wirren der Zeit. „Umso schöner ist es, dass wir dieses Ausnahmeschiff heute zur Flotte des Deutschen Schifffahrtsmuseums zählen können“, schwärmt Lars Kröger. Denn 1973 wurden Wissenschaftler des DSM zufällig durch einen Hinweis auf das Traditionsschiff aufmerksam. Es wurde gekauft und nach Bremerhaven gebracht. Eine ehrenamtliche Mannschaft und Fachleute des Museums brachten es wieder auf Vordermann. Zwei Jahre dauerte es, bis die „Grönland“ in einem ansehnlichen Zustand war.

Stammcrew aus Ehrenamtlichen

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Oben auf dem Deck steht André Benthien und legt Taue zusammen. Er gehört der ehrenamtlichen Mannschaft an und kann sich noch gut an die Anfangszeit erinnern – obwohl er damals erst fünf Jahre alt war. „Mein Vater ist ein Crewmitglied der ersten Stunde“, sagt er und lacht. „Ich bin seit mehr als 30 Jahren mit der ‚Grönland‘ verbunden. Es dreht sich alles in unserer Familie um dieses Schiff.“ Wie arbeitsintensiv der Erhalt des alten Seglers sei, zeige die Bilanz der gescheiterten Ehen bei den Ehrenamtlichen, sagt André Benthien mit einem Schmunzeln: „Es gab seit 1974 insgesamt sechs Scheidungen im Umfeld der Crew. Man verbringt oft mehr Zeit hier als Zuhause. Das ist wie ein Verhältnis – nur eben mit einem Schiff statt mit einer Frau.“ Rund 30 Freiwillige kümmern sich um das Segelschiff, schleifen das Holz, streichen das Deck, erneuern die Segel, polieren Messing und entfernen Rost. Wie schon zu Zeiten der ersten deutschen Arktisexpedition besteht die Stammcrew aus zwölf Leuten.

Ein Schiff wie die „Grönland“ bedeute mehr Arbeit als segeln, so André Benthien. Dennoch stehen natürlich regelmäßig Fahrten an. „Unsere Touren gehen oft nach Helgoland oder auch mal nach Skandinavien. Wir sind sogar schon bis nach Norwegen in den Fjord gesegelt, wo die Grönland gebaut wurde. Die Leute da waren ziemlich überrascht, als wir 150 Jahre später dort angelegt haben.“ Auch bis vor den Bundestag in Berlin ist die „Grönland“ schon gekommen – 2005 als segelnde Botschafterin für das Deutsche Schifffahrtsmuseum und das Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Der Kapitän der „Grönland“, Rainer Mogel, kann auf reichlich Erfahrung mit Segelschiffen zurückblicken. Der 73-Jährige ist mehr als 20 Jahre auf dem Großsegler „Alexander von Humboldt I“ als Steuermann gefahren. Die „Grönland“, sagt er, sei kein einfaches Schiff. „Man muss sich beim Manövrieren im Hafen ordentlich Zeit lassen, weil sie sehr windempfindlich ist. Aber wie man so sagt: Lieber vier Stunden anlegen, als vier Wochen in der Werft.“ Gerammt hat die „Grönland“ bisher noch nie etwas, aber in die Werft muss sie trotzdem von Zeit zu Zeit. Aktuell braucht sie einen neuen 28 Meter hohen Mast.

Wie viel tatsächlich noch Original an der „Grönland“ ist, die inzwischen auch einen Motor hat, kann selbst Lars Kröger nicht sagen. „Es ist im Laufe der Jahrzehnte immer wieder was am Holz erneuert worden. Mit Sicherheit ist aber ein Teil der Außenspanten noch von 1867. Wir bauen gerade unter Deck etwas ein, und hinter der Innenverkleidung sind die Holzteile deutlich zu sehen.“ Außer der „Grönland“ gibt es in ganz Deutschland nur noch ein weiteres Segelschiff in dem Alter, das noch aktiv gesegelt wird. 
Bert Brandenburg

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Artikel Schwimmendes Denkmal
Seite 12 bis 13 | Rubrik Sonderheft Touristik
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