Elektronisch lernen statt büffeln

Elektronische Aus- und Weiterbildung spart Kosten und schont den Fuhrpark. Wir stellen Beispiele aus der Busbranche vor.

Mit Virtual-Reality-Brille kann das Fahren im Simulator realitätsnah nachgestellt werden. Bild: Bünnagel
Mit Virtual-Reality-Brille kann das Fahren im Simulator realitätsnah nachgestellt werden. Bild: Bünnagel
Redaktion (allg.)
Digitale schulungen

Ein Ansatz, um die Kapazitäten von Fahrlehrern zu schonen und mehr Menschen in kürzerer Zeit für den Einsatz als Busfahrer fit zu machen, sind digitale Schulungen. Dabei wird flexibel und kostensparend am Computer, Tablet, Simulator oder mit der Datenbrille gelernt. Technikfreaks und Menschen, die das Pauken nicht gewöhnt sind, tun sich deutlich leichter mit den elektronischen Lernhilfen als Ergänzung oder Alternative zum Seminar.

Mit der Datenbrille auf der Nase lernen Lokführer bei der deutschen Bahn seit Jahren in der virtuellen Realität. Auch in der Logistikbranche erfahren Brummifahrer immer häufiger animiert, wie sie sich im Straßenverkehr verhalten sollen. „Virtuelle Szenarien bleiben im Gedächtnis besser haften als trockener Lernstoff. Denn hier wird erlebt statt gelernt“, fasst es der Experte für die digitale Bildung, Christian Wachter, zusammen. Sein Unternehmen IMC entwickelt virtuelle und digitale Lernwelten für Kunden aller Branchen.

Die VAG Verkehrs-Aktiengesellschaft Nürnberg sieht das genauso. Als bundesweit erstes Verkehrsunternehmen setzte der Betrieb schon 2013 einen Simulator bei der Aus- und Weiterbildung des Fahrpersonals ein. Dieser wurde seit 2009 konstruiert und kann unterschiedliche Fahrzeugtypen wie auch Verkehrssituationen abbilden. Dabei geht es sehr realitätsnah zu: Denn das Gerät simuliert einen platten Reifen genauso wie eine nasse Fahrbahn oder Schlaglöcher. Dichter Verkehr, Unfälle, Autobahnsperrungen – die Lernunterstützung bildet alles wirklichkeitsgetreu ab.

Ganz ähnlich, aber etwas moderner und deshalb noch wirksamer, sind Lerneinheiten mit der Virtual-Reality-Brille. In komplett computersimulierten Situationen wähnen sich die Fahrer in einer wirklichen Fahrerkabine und müssen auf unvorhergesehene Verkehrssituationen reagieren. Logistikdienstleister UPS beispielsweise setzt in Nordamerika zur Ausbildung der Paketzusteller auf Fahrertrainings mit Hilfe von Virtual Reality (VR). Gleichzeitig werden mit Szenarien, die an Animationen aus Computerspielen erinnern, gezielt jüngere Generationen sowie lernferne Zielgruppen angesprochen. „Menschen, die sich mit dem Büffeln schwertun, lernen gerne in der Praxis“, erläutert Wachter. In der digitalen Variante wird erfreulicherweise kein Sprit verfahren und kein Bus blockiert.

Der Fahrer trägt in einer Lerneinheit eine Virtual-Reality-Brille und bedient ein Gaming-Lenkrad. Die realistische Simulation erlaubt einen 360°-Blick in die bis ins Detail ausgearbeiteten Straßenlandschaften. Auf diese Weise lernen die Fahrer, wie sie gefährliche Verkehrssituationen beispielsweise durch Fußgänger und geparkte Autos erkennen. Denn in der realistischen Animation nimmt unvermittelt ein Kleinlaster die Vorfahrt oder springt in der Dämmerung ein Reh auf die Straße. Der Ausbilder beobachtet die Situation entspannt vom Nebenraum oder schaut sich die Aufzeichnung einige Tage später an. Problematische Situationen können ohne Weiteres wiederholt und somit jederzeit geübt werden. Selbst Assistenzsysteme wie ESP, Tempomat oder Spurhaltefunktionen funktionieren wie auf der richtigen Straße. Das realistische Fahrgefühl wird über alle Sinne vermittelt. Die Simulatorkabine sitzt auf hydraulischen Achsen. Wer also gegen einen Bordstein brettert oder ein Verkehrsschild rammt, wird ordentlich durchgeschüttelt. Auch Witterung, abschüssige Straßen, Seitenwind und das Verhalten eines Anhängers können einige Systeme naturgetreu abbilden.

„Kommunen und Unternehmen können nicht ständig mit mehreren Bussen herumfahren, um Mitarbeiter zu schulen“, glaubt Wachter. Da seien digitale Qualifizierungsmaßnahmen eine sinnvolle Ergänzung, die auch den Mangel an Fahrlehrern berücksichtigen. Er beobachtet, dass die Nachfrage nach Schulungen mit Datenbrille stetig ansteigt. Er empfiehlt außerdem, spielerische Elemente einzubinden. Das kann eine von den Kollegen einsehbare Tabelle der besten Fahrer sein oder ein Punktesystem, das in der realen Welt zu kleinen Belohnungen führt. „Je näher wir beim Lernen einem Computerspiel kommen, desto weniger nimmt das Gehirn die Informationsvermittlung als Lernen wahr. Informelles Lernen ist motivierend und effektiv“, sagt der IMC-Vorstand.

Verbrauch reduziert

Ob am Simulator auch eine material- und kraftstoffschonende Fahrweise erlernt werden kann, untersuchte die TU Berlin. Testfahrer legten eine acht Kilometer lange Strecke zurück. Nach einer theoretischen Einweisung zum ökologischen und vorausschauenden Fahren wurde der Test wiederholt. Das Ergebnis: Alle Fahrer reduzierten ihren Verbrauch: Das beste Ergebnis lag bei minus 30 %, der Durchschnitt bei 21 % Verbesserung.

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Katja Fellmeth, Leiterin der combus – Competence Mensch GmbH, setzt bei der Weiterbildung von Busfahrern auf Präsenzschulungen: „Wir versuchen, die vorgeschriebenen 35 Stunden innerhalb von fünf Jahren als Präsenzseminar so kurzweilig wie möglich zu gestalten.“ Dazu gehören bei combus kleine Videos, PowerPoint und Praxisbeispiele. „Wir setzen auf das praktische Erleben. Daher findet die Schulung zur Fahrsicherheit bzw. Fahrphysik auf dem Verkehrsübungsplatz statt, und auch bei der Qualifizierungsmaßnahme zum wirtschaftlichen Fahren sind wir mit dem Bus unterwegs, um die unterschiedlichen Fahrstile direkt mitzuerleben. Bei den Notfallmanagementthemen werden herausfordernde Situationen im Bus nachgespielt und auch Feuerlöscher kommen zum Einsatz“, sagt Fellmeth.

Im Bereich des reinen Führerscheinerwerbs gibt es Lern-Apps von verschiedenen Verlagen für die Fahrschüler. In den Apps ist auch die Klasse D enthalten, und die Fragen sind in vielen Sprachen verfügbar. „Wir prüfen derzeit, welche Materialien wir in den kommenden Monaten in der Busfahrerqualifizierung einsetzen. Unser Ziel ist es, eine App-Lern-Version anzubieten, damit die Teilnehmer sich auf Prüfungen bestmöglich vorbereiten können“, sagt die Führungskraft. ■

Leonhard Fromm

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Seite 14 bis 15 | Rubrik Markt & Meinung