Interview mit Pierre Lahutte, Iveco Brand President

Pierre Lahutte, Iveco Brand President über Alternativen zum Diesel, Tankstellennetz, wie man ohne SCR-Technik die Euro-6-Hürde nimmt und warum Erdgasbusse längst Tagesgeschäft sind. (Foto: Iveco)
Pierre Lahutte, Iveco Brand President über Alternativen zum Diesel, Tankstellennetz, wie man ohne SCR-Technik die Euro-6-Hürde nimmt und warum Erdgasbusse längst Tagesgeschäft sind. (Foto: Iveco)
Anja Kiewitt


Dieser Artikel stammt aus der IAA Messezeitung IAA aktuell 2016. Englischer Text auf Seite 2 / english version on page 2.

 

Herr Lahutte, Iveco setzt seit Jahren auf Erdgasantrieb als Alternative. Kommt mit dem Stralis Cursor 9 CNG/LNG endlich auch der Durchbruch im Fernverkehr?
Pierre Lahutte: Ja, sicher! Der neue Stralis NP ist unsere Antwort auf Ihre Frage. Wir denken in europäischen Kategorien und da ist Erdgas schon lange eine Erfolgsgeschichte. Fast 15.000 Busse, Transporter und LKW fahren derzeit unter unserer Marke auf den Straßen. Wir produzieren aber auch Erdgas-Einbaumotoren, die vor allem in den umweltbelasteten Städten Chinas im Busbereich eingebaut werden.

Was können Sie als Hersteller tun, um die lückenhafte Infrastruktur beim Thema LNG voranzubringen?
Das ist in der Tat Aufbauarbeit. Wir betreiben den Verkauf von LNG Trucks als Projektgeschäft zusammen mit dem Kunden und Anbietern des Kraftstoffs. Aufgrund der enormen Reichweite von 1.500 km, die wir mit dem Stralis NP haben, muss aber nicht an jeder Ecke eine Tankstelle sein. Ein spanischer Spediteur fährt bereits die Relation Madrid-Hamburg im Linienverkehr mit einem solchen LKW. Ihm reichen 3 Tankstellen, die er jeweils nach Bedarf anfährt. In Deutschland haben wir gerade mit Liqvis ein Rahmenabkommen unterzeichnet, das den Verkehrsraum Rhein-Ruhr sowohl mit Tankstellen als auch 200 Fernverkehrsfahrzeugen bis 2020 als Modellregion vorsieht. Wir arbeiten natürlich auch mit allen anderen Gasanbietern gerne zusammen. Zudem bauen wir auch in unseren Werken und bei Händlern Tankstellen für LNG. Ulm, Turin und Lyon sind schon in Betrieb, weitere folgen.

Mit der heißen Studie „Vision“ zeigte Iveco 2014 wie die Zukunft der Paketbelieferung aussehen könnte. Diesmal blickt die Marke in einem anderen Segment in die Glaskugel. Was sehen die Messebesucher da?
„Zero Impact“ ist natürlich bei uns auch das Thema, also der maximal nachhaltige Umgang mit der Umwelt. Wir haben diesmal in der Tat ein Schwerfahrzeug thematisiert. Wir denken, ein LKW muss Güter transportieren und nicht Batterien.  Daher ist die Elektromobilität absehbar nicht geeignet, große Gewichte über lange Strecken zu transportieren. Wir spielen beim Iveco Z Truck die Vorteile unseres Erdgas-know hows aus. Bio Erdgas z.B. aus Lebensmittelabfällen oder mit Windenergie erzeugt, ist reichlich vorhanden und als CO2 neutral eingestuft. Zum anderen ist es aber auch der Lebensraum des Fahrers, den wir in die Zukunft projiziert haben. Das Fahrerhaus entspricht den künftigen Längenvorgaben und kann bei Stillstand des Trucks auch noch nach hinten verlängert werden. Dadurch entsteht ein Wohnraum, sogar mit Dusch- und Kochmöglichkeit, der diesen Namen verdient.

Stichwort Elektroantrieb: Beim Daily gibt es schon eine vollelektrisch angetriebene Version. Verfolgen Sie diesen Weg weiter?
Natürlich. In den Stadtzentren kann der E-Antrieb die Zukunft sein. Überschaubare Fahrzeuggewichte, geringe Tagesfahrleistungen und reichlich Rekuperationsmöglichkeiten beim Bremsen passen dazu. Das Bedürfnis nach einer leisen und sauberen Umwelt erfüllt der E-Transporter perfekt. Im Personentransport ist die ruckfreie Beschleunigung und die Geräuschlosigkeit ein zusätzliches Komfortargument. In Europa sind wir mit mehr als 1.000 Stadtbussen mit E- und Hybridantrieben bereits die Nummer 1. Für den Gütertransport allerdings bleiben Batterien zu schwer und zu teuer. Denken Sie nur an einen Tesla, dessen zwei Tonnen schwere Batterien immer noch an einer vernünftigen Ladeinfrastruktur leiden. 

Welche Chancen räumen Sie dem Hybrid-Antrieb, also der Kombination Diesel/Erdgas-Elektro ein, wie es die Studie Vision mit dem Dual-Energy-Konzept aufzeigte?
Es kommt immer auf die Transportaufgabe an. Wenn ein Transporteur strengen städtischen Einfahrrestriktionen unterliegt und dennoch das Umland bedienen muss, ist Hybrid eine Lösung. Wenn wir „Dual Energy“ diesmal nicht ausstellen, heißt das nicht, dass wir das Konzept verworfen haben. Lediglich die Rahmenbedingungen für eine Kommerzialisierung sind derzeit noch nicht gegeben.

Wie sieht es bei den Bussen aus? Iveco ist ja hier mit Erdgas sehr erfolgreich. Geht es auch „Zero Emission“?
Wir sind auf allen Feldern unterwegs. Erdgasbusse sind für uns Tagesgeschäft, bei Hybridbussen sieht es ähnlich aus. 2015 hat unser Buswerk Annonay, wo die Stadtbusse hergestellt werden, erstmals mehr alternative Antriebe als Dieselantriebe eingebaut. Das sind CNG und Hybris gleichermaßen.  Mit dem GX ELEC unserer Marke Heuliez haben wir in Paris auch vollelektrische Busse im Testlauf.

Was gibt es sonst Neues bei den Bussen zu sehen?
Mit dem Evadys haben wir eine echte Premiere auf unserem Stand. Er basiert auf dem europäischen Bestseller Crossway, hat aber einen höhergesetzten Boden und ist als Reisebus mit hochwertigem Interieur bestellbar. Damit empfiehlt er sich als intensiv einsetzbares Multifunktionstalent. Der Evadys eignet sich für Reise- und Linienverkehre gleichermaßen. Aufgrund seines bis zu 11 m3 großen Kofferraums taugt er aber auch als Hotelshuttle und für den Ausflugsverkehr. Ob 2 oder 3 Türen, mit und ohne Lift für mobilitätsbehinderte Fahrgäste: der Evadys ist trotz seines vielfältigen Einsatzspektrums auch noch sehr individualisierbar.

Die Gegenwart heißt immer noch Diesel. Welche Verbesserungen gibt es da, Stichwort TCO2-Champion?
Der Dieselmotor hat eine sehr hohe Evolutionsstufe erreicht. Das gilt für den Wirkungsgrad und für die Emissionen. Mit der patentierten HI-SCR Technologie ohne Abgasrückführung sind wir auch integriert gesehen sehr gut, weil wir nicht über eine Filterregeneration eine „Umverteilung“ der Abgase vornehmen. Mit dem Stralis XP haben wir primär über die Steuerung von Nebenaggregaten und die Integration von elektronischen Systemen, z.B. GPS, einen weiteren Schritt nach vorne gemacht. Das neue Hi-TRONIC Getriebe ist leichter als der Vorgänger und schaltet wesentlich schneller. Da gäbe es viel mehr aufzuzählen. Wir müssen den Diesel-LKW bei der Optimierung künftig im Kontext sehen. Das heißt unter Einbeziehung von Telematik, Aerodynamik und Komponenten.

Ein USP beim Iveco Daily ist, dass er auch für Euro 6 bis 3,5 Tonnen ohne SCR auskommt. Wie haben Sie das geschafft?
Erst einmal muss gesagt werden, daß der 2,3 l F1A Motor, so seine Bezeichnung, eine komplette Neuentwicklung ist und unter der Prämisse Effizienz und NOx entworfen wurde. Dann haben wir eine zusätzliche gekühlte Niederdruck-Abgasrückführung. Nach dem Partikelfilter kühlen wir sauberes Abgas und führen es über einen Kühler vor dem Turbo wieder der Verbrennung zu. Als Ergebnis haben wir dann eine niedrigere Eingangstemperatur der Verbrennungsluft und damit weniger NOx Ausstoß. Das ist zwar etwas aufwändiger, aber der Kunde schätzt in diesem Volumen-Segment den Vorteil, nur einen Betriebsstoff tanken zu müssen ganz besonders.

Warum sollten die Messebesucher unbedingt am Stand vorbeischauen?
Wir wissen, dass Nachhaltigkeit und Umweltschutz das Thema überhaupt ist. Erdgasmobilität zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Produktspektrum. Wir haben hier das wohl umfangreichste Angebot aller Hersteller. Dem Thema LNG ist zudem breiter Raum gewidmet. Der Eurocargo, Truck of the Year 2016, steht auch in einer CNG Version am Stand.  Ein Daily-Tourys Bus mit 16 Sitzen und Elektroantrieb kann kompetent erklärt werden. Aber auch für Emotionen ist gesorgt: Für Motorsportbegeisterte sind 3 Stralis XP in den Farben der Teams Ferrari, Dakar de Rooy und des Truckrace-Teams Schwabentruck zu bestaunen.
 

Quelle: IAA aktuell 2016
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Mr Lahutte, Iveco has relied on natural gas power as an alternative for years. Do you see the Stralis Cursor 9 CNG/LNG as finally being the breakthrough in long-distance transport?
Pierre Lahutte: Yes, definitely! The new Stralis NP is our answer to your question. We think in European dimensions and natural gas has long since become a success story. Almost 15,000 buses, commercial vans and trucks are currently on the road with our brand. We are also producing ready-to-install natural gas engines, which are being primarily built into the buses of environmentally polluted cities in China.

As a manufacturer, what can you do to improve the patchy LNG infrastructure?
A certain amount of development work is still needed. We approach the sale of LNG trucks as a project we undertake together with customers and fuel providers. However, due to the amazing range of 1,500 km achieved with the Stralis NP, we do not need a filling station on every street corner. A Spanish transport company is already regularly plying the route from Madrid to Hamburg with one of our LNG trucks. He only needs three filling stations that he drives to as required. In Germany we have just signed a framework agreement with Liqvis that plans the Rhine-Ruhr transport area as a model region with filling stations and also 200 long-distance vehicles by 2020. We will, of course, be happy to collaborate with other gas providers, too. Moreover, we are currently establishing LNG filling stations both at our own plants and at dealerships. Stations in Ulm, Turin and Lyon are already in operation – with more on the way.

With the "Vision" study conducted in 2014, Iveco showed how the future of parcel delivery could look. This time, however, the brand is gazing into the crystal ball in a different segment. What do trade fair visitors see there?

"Zero impact" is, of course, also a major topic for us, i.e. the maximum in terms of environmental sustainability. This time, we have indeed made heavy vehicles a subject of discussion. In our opinion, trucks should be transporting goods and not batteries. Hence we do not see electric mobility as suitable for transporting heavy loads over long distances. With our Iveco Z Truck we are benefiting from our natural gas know-how. Bio natural gas, such as that generated from food wastes or using wind power, is abundant and classified as neutral in terms of CO2. Secondly, we have projected the driver's living space into the future. The driver's cab meets future length specifications and can also be lengthened towards the back if the truck is standing still, effectively creating a living space worthy of the name, including a shower and cooking facilities.

Talking about electric powertrains: The Daily is already on the market as an all-electric version. Do you intend to continue pursuing this path?
Of course! In city centres, e-vehicles could well be the future. Reasonable vehicle weights, low daily mileage and lots of recuperation options when braking are a good combination. The electric commercial van ideally meets the need for a quiet, clean environment. When it comes to transporting passengers, the smooth acceleration and the lack of noise are additional comfort arguments. With more than 1,000 urban buses with electric and hybrid powertrains, we are already number one in Europe. However, batteries are still too heavy and too expensive for goods transport. Just think of a Tesla – its two tonnes of batteries are still suffering from the lack of a reasonable charging infrastructure.

Which opportunities do you see for hybrid systems, i.e. the combination of diesel, natural gas and electricity, as the Vision study indicated with the dual energy concept?
It always depends on the transport assignment. If a transport company is subject to strict urban entry restrictions and still has to serve the surrounding countryside, hybrid is definitely a solution. Although we did not exhibit "Dual Energy" this time, it doesn't mean we have rejected the concept. It only means that the framework conditions for commercialisation are not currently lucrative.

What about buses? Iveco is very successful with natural gas in this field. Are zero emissions also possible here?

We are exploring every available option. Natural gas-powered buses are our daily business and with hybrid buses it's a similar story. In 2015, our Annonay bus manufacturing plant, where the urban buses are produced, installed more alternative powertrains than diesels for the first time. They were equally divided between CNGs and hybrids. Our Heuliez-brand GX ELEC all-electric buses are also undergoing trials in Paris.

What else is there to see in the world of buses?
The Evadys is a genuine premiere at our stand. It is based on the European bestseller Crossway, but has a higher floor and can be ordered as a travel coach with high-quality interior. It is therefore recommendable as a versatile, talented all-rounder. The Evadys is suitable both as a travel coach and for public transport. Due to its 11-m3 luggage compartment, it is also ideal as a hotel shuttle bus or for day trips. Whether with two or three doors, with or without a lift for passengers with restricted mobility – despite its wide range of applications, it is also easy to customise.

At the moment, however, there is no getting around diesel. Which improvements have been made there in terms of TCO2 champion?

The diesel engine has reached a very high level in its evolution in terms of both efficiency and emissions. Using the patented HI-SCR technology without exhaust gas recirculation, we are already very good in terms of integration, as we do not "redistribute" the emissions via filter regeneration. With the Stralis XP we have made a further step forward, primarily in controlling auxiliary units and integrating electronic systems such as GPS. The new Hi-TRONIC transmission is lighter than its predecessor and changes far more quickly. I could list a whole lot of other points, too. In future, we need to view the optimisation of diesel trucks in context, including telematics, aerodynamics and components.

A USP for the Iveco Daily is that despite meeting Euro 6 standards up to 3.5 tonnes it still does without SCR. How did you manage that?

Firstly, it needs to be said that the 2.3-litre F1A engine, as it is known, is a completely new development and was designed under the premise of efficiency and NOx. Then we have an additional, cooled, low-pressure exhaust gas recirculation system. Downstream from the particle filter we cool the clean exhaust gas and feed it back for combustion via a cooler before the turbo. The combustion air supply thus has a lower entry temperature and therefore fewer NOx emissions. Although it is slightly more complicated, in this volume segment customers particularly appreciate the advantage of only having to fill one type of fuel.

Why should visitors to the IAA definitely visit your stand?
We know that sustainability and environmental protection are the topics everyone is talking about. Natural gas mobility is an integral aspect throughout our entire product range and we have the most extensive range of all manufacturers. Furthermore, we have given the topic of LNG plenty of space. The Eurocargo, Truck of the Year 2016, is also on display as a CNG version. A Daily-Tourys bus with 16 seats and an electric powertrain can be expertly explained at our stand. But we also have something to please the emotions: For motorsport enthusiasts, we have three Stralis XP trucks in the colours of the Ferrari, Dakar de Rooy and Schwabentruck race teams to admire.

 

Copyright: IAA aktuell 2016

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