Fernlinienverkehr: Neues Geschäftsfeld oder Risiko?

Redaktion (allg.)

Die Bundesregierung plant eine Liberalisierung des Fernlinienverkehrs. Für Busunternehmer bedeutet das neue gesetzliche Rahmenbedingungen sowie die Chance auf einem neuen Markt aktiv zu werden.

Wir werden Busfernlinienverkehr zulassen.“ So steht es im Koalitionsvertrag, den Union und FDP im vergangenen Jahr beschlossen haben und schwarz-gelb macht bei diesem Thema Tempo. Verkehrspolitisch lässt sich das geradezu als Revolution bezeichnen. Die derzeitige gesetzliche Regelung, die ihre Wurzeln in den 20er und 30er Jahren hat, sieht vor, dass die Eisenbahn auf Fernstrecken weitgehend der Konkurrenz durch den Bus geschützt ist. Paragraph 13 Absatz 2 Personenbeförderungsgesetz bedeutet für die Bahn quasi ein Monopol bei den Fernverbindungen innerhalb Deutschlands. Die einzigen Ausnahmen sind Buslinien von und nach Berlin sowie Flughafenzubringer. „Der Koalitionsvertrag enthält den klaren Auftrag, den Busfernlinienverkehr zu liberalisieren“, bekräftigte Dr. Andreas Scheuer, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesverkehrsminister bei einem Termin in Berlin. „Die Bundesregierung setzt sich für eine Gleichbehandlung der Verkehrsträger, aber auch für gleiche Wettbewerbsbedingungen ein“, so Scheuer weiter. Busunternehmen solle dadurch eine neue Marktperspektive eröffnet und die Vorteile des Busses in Sachen Umweltfreundlichkeit verstärkt genutzt werden.
Die konkrete Ausgestaltung der Neuregelung werde derzeit noch geprüft. „Aus den Reihen der Omnibusunternehmen gibt es ja unterschiedliche Vorstellungen über das Ausmaß der gewünschten Liberalisierung. Die Lösungsvorschläge reichen von einer vollständigen Liberalisierung, einem kontrollierten Wettbewerb bis hin zu dem Vorschlag, die weitere Entwicklung der Rechtsprechung abzuwarten.“ Auf jeden Fall genieße das Ziel der Förderung der mittelständischen Busunternehmen bei der Koalition einen hohen Stellenwert betonte Staatssekretär Scheuer.

Was den Zeitpunkt der Neuregelung angeht, so teilte Scheuer mit, dass man noch in diesem Jahr einen Regierungsentwurf vorlegen wolle, in der ersten Hälfte 2011 soll das Gesetzgebungsverfahren eingeleitet werden, so könnte der Busfernverkehr zum August 2011 freigegeben werden. Eine Liberalisierung – in welcher Form auch immer – ist also seitens der Regierung beschlossene Sache, die Busunternehmer werden sich also auf neue gesetzliche Rahmenbedingungen einstellen müssen. Aber was kommt tatsächlich auf sie zu? Welche Kundengruppen könnte ein Busfernlinienverkehr gewinnen? Bietet eine Liberalisierung tatsächlich neue Chancen, wie es die christlich-liberale Koalition behauptet? Grundsätzlich ja, meint Hans-Jörg Schulze, geschäftsführender Gesellschafter der Haru Reisen OHG in Berlin. Haru ist Gesellschafterin und ausführendes Unternehmen der Berlin Linien Bus GmbH. Ein liberalisierter Busfernlinienmarkt sei für Busunternehmer das „erste, echte neue Geschäftsfeld seit Jahrzehnten“.

Er verweist auf den Erfolg der Fernbuslinien, die die Berlin Linien Bus GmbH bereits heute von Berlin nach Hamburg, bzw. von Berlin nach Dresden betreibt sowie auf die ebenfalls bereits bestehende Nachtlinie der Deutschen Touring zwischen Hamburg und Mannheim. Dies seien Beispiele dafür, dass ein nationaler Buslinienfernverkehr erfolgreich möglich sei, so der Busunternehmer. Schulze verweist jedoch auch auf die hohen Hürden für den Markteintritt, die mittelständische Busunternehmer erst einmal nehmen müssten. Tatsächlich wären die Einstiegskosten sehr hoch, schließlich müsste die komplette Infrastruktur, Busbahnhöfe, Haltestellen, Fahrplanauskunft, etc., neu geschaffen und verbraucherfreundlich gestaltet werden. Zudem steht die DB mit ihrer großen Busflotte quasi Gewehr bei Fuß, um künftig selbst verstärkt Fernlinien zu betreiben. Für Mittelständler, selbst wenn diese Kooperationen eingehen, wäre es schwierig gegen die Konkurrenz der DB anzukommen. Im Extremfall droht sogar ein „Doppelmonopol der Bahn“. Der bdo spricht sich daher auch gegen eine völlige Liberalisierung aus, bei der jedes Unternehmen ohne Genehmigung Linien aufmachen könnte (siehe Kasten „Das meint der bdo“). Hans-Jörg Schulze sieht die Gefahr, dass mittelständische Busunternehmen bei einer Liberalisierung anfangs durchaus vorne mit dabei sind, sie dann aber – anders als die DB oder internationale Verkehrskonzerne – nicht den langen Atem haben, um durchzuhalten, vor allem, wenn es darum geht, die Anlaufverluste zu tragen. Die Folge wäre ein Oligopol im Busfernlinienverkehr, bei dem die Busunternehmer nur noch als Subunternehmer zum Zug kämen.

Busunternehmer Schulze verweist jedoch im Zusammenhang mit einer Liberalisierung auf weitere Aspekte, von denen der Bus generell profitieren könnte: „Es besteht die Möglichkeit, das Image des Busses zusätzlich zu stärken. Durch Kooperationen kann ein dichtes Liniennetz geschaffen werden. Das nutzt dem Kunden und erhöht die Auslastung unserer Fahrzeuge.“ Wichtig sei es jedoch, die Fernlinien so zu konzipieren, dass bestehende Regionalverkehre nicht tangiert werden. Würde es gelingen, ein solch dichtes Liniennetz zu schaffen, speziell auch, Mittelzentren und ländliche Region, aus denen sich die Bahn zurückgezogen hat, gut anzubinden, gäbe es durchaus ein Kundenpotenzial für Fernbusse in Deutschland. Das entscheidende Argument für den Bus im Vergleich zur Bahn wäre der Preis.

Buslinien sind günstiger als Bahnverbindungen, daher könnten die Tickets günstiger angeboten werden. „Von zusätzlichen und kostengünstigen Angeboten im Fernreiseverkehr würden vor allem einkommensschwächere Reisende profitieren“, sagt beispielsweise Prof. Dr. Alexander Eisenkopf von der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Studenten und Wochenendpendler wären zwei mögliche Zielgruppen für Fernbusse sowie Flugreisende, da viele Flughäfen mittlerweile keine oder nur ein schlechte Bahnanbindung haben. „Aber auch für ältere Nutzer könnte der Fernlinienbus eine Verkehrsmittelalternative werden“, fügt Eisenkopf hinzu. Potenzielle Kunden für Fernbuslinien sind also vorhanden. (Thomas Burgert)
 

Chancen:Der Fernlinienverkehr wäre das erste richtig neue Geschäftsfeld seit Jahrzehnten für die Busbranche.Der Bus ist eine preiswerte Alternative zur Bahn und auch zum Individualverkehr, damit könnten Zielgruppen wie Studenten, Wochenendpendler angesprochen werden.Potenzielle Betreiber von Fernbuslinien könnten das schlechte Image der Bahn (Preiserhöhungen, Abbau von Verbindungen in der Fläche, etc.) nutzen, um Kunden zu gewinnen.Durch Kooperationen zwischen mehreren Busunter nehmen könnten diese ein dichtes Netz an Verkehren knüpfen, dies könnte die Auslastung der Busse erhöhen.Durch die Etablierung einer neuen Dachmarke, die positiv besetzt ist (günstige Preise, Komfort) könnte das Image für den Bus und die mittelständischen Bus unternehmen insgesamt verbessert werden.


Risiken:Hohe Kosten für den Markteintritt, finden Mittelständler ausreichend Kapitalgeber und haben sie einen langen Atem, um die Anfangsphase zu überstehen?Konkurrenz durch die DB mit ihrer Busflotte und durch internationale Konzerne, die über mehr Kapitalkraft verfügen. Für die Mittelständler bliebe nur die Rolle als Subunternehmer.Bei einer völligen Liberalisierung besteht die Gefahr von „Kannibalisierungseffekten“ auf Kosten der bestehenden Regionalverbindungen durch die Fernlinien.Welche Kooperationsmodelle zwischen den mittel ständischen Busunternehmen sind möglich? Sind diese langfristig tragfähig?Für einen Fernlinienbusverkehr existiert derzeit in Deutschland kein Bewusstsein in der Öffentlichkeit, hier müsste massiv geworben werden.

 


 

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