Busfernlinien: Big Business oder Chance für alle?

Redaktion (allg.)

Die Liberalisierung des Personenbeförderungsgesetzes hinsichtlich der Freigabe von Busfernlinien steht an. Einige Private, wie die Deutsche Touring, erproben bereits neue Angebote.

Dazu gehören zum Beispiel Buslinien mit einem Komfort der Kategorie Business-Class (BC): Viel Beinfreiheit, 12-Volt-Anschluß, WLAN, Musik, Video, Zeitschriften sowie Snacks und Sprudelwasser inklusive. Umgesetzt hat die Touring dieses Angebot mit ihrer tschechischen Tochter Touring Bohemia. Von Prag aus steuern die Busse nach Süden München, Wien, Bratislava oder Budapest an, nach Norden führen die Linien über Dresden und Berlin bis Kopenhagen und Hamburg. Dass qualitativ hochwertige Fahrzeuge eingesetzt werden, gehört zum Prinzip der Touring, schließlich will man Ausfallzeiten weitestgehend vermeiden. Erst jüngst wurden daher wieder neue Setra GT-HD/2 geordert. Die Zweiachser im 13-Meter-Format bieten mit 48 Fahrgastplätzen echten Vier-Sterne-Sitzabstand. Das Ticketing am Prager Busbahnhof Florence ist gut organisiert: Verschiedene Betreiber präsentieren sich in der Schalterhalle, direkt mit vier Ausgabestellen die Touring unter dem Label des internationalen Verbundpartners Eurolines. Nebenan offerieren die Wettbewerber Orangeway (Ungarn), Eurobus (Slowakei) und Tourbus (Tschechien) ihr vielseitiges Angebot. Entsprechend großzügig ist auch der Haltestellenbereich ausgebaut.
Einer der im weißen Eurolines-Design gehaltenen Setra fährt vor, das freundliche Team aus Fahrer und Beifahrer verstaut Gepäck und bittet zum Einsteigen. Gut 200 Kilometer sind über zweieinhalb Stunden zu absolvieren, „schneller als mit dem Zug“, wirbt Roderick Donker van Heel, Geschäftsführer Deutsche Touring, für diese Fernbuslinie. Dass er nicht übertrieben hat, zeigt die Recherche zu Bahnverbindungen: Zwei Stunden 43 Minuten benötigt der EC von Prag bis Brünn, drei Stunden 27 Minuten die Regionalbahn. Die Fahrpreise sind für die einfache Strecke, Rabatte außer acht gelassen, mit 210 Kronen (etwa 8,50 Euro) im Bus spürbar günstiger als mit 316 Kronen (etwa 12,90 Euro) auf der Schiene. Ein klares Plus für den Bus, der durch das kostenlose Multimedia-Angebot und die gereichten Snacks einmal mehr die Nase vorn hat – wenn da nicht die vielen Querrillen und Unebenheiten auf diesem Teilstück der Autobahn D1 wären. Diesen Parcours kann auch der Setra nicht wegstecken, ohne dass durch die harten Stöße Handgepäck von den Ablagen rutscht oder überhaupt an die Arbeit mit dem Laptop zu denken ist. Pünktlich am ZOB der zweitgrößten tschechischen Stadt angekommen, ging es nach kleiner Pause flott wieder zurück. Erfreulicherweise war die Gegenrichtung weniger stark lädiert und die Buslinie holte in Bezug auf Komfort wieder auf. Die Bedeutung dieser Teilstrecke macht die Statistik für die Gesamtstrecke Prag– Brünn–Bratislava deutlich: 2010 beförderte die Touring dort 75.000 Passagiere.
FAZIT: Ein Angebot mit gutem Service sowie zuverlässigem Zeit- und Kostenvorteil im Vergleich zur Bahn. Die derzeit schlechten Straßenverhältnisse sind allerdings ein Manko. Andernorts, besonders in westeuropäischen Destinationen, sieht es diesbezüglich bei weitem besser aus und die modernen Fernlinienbusse können ihren Komfort ausspielen.
Die Deutsche Touring verfügt über langjährige Erfahrungen mit dem Betrieb von internationalen Buslinien und kann es kaum erwarten, in größerem Umfang mit nationalen Fernlinien zu starten. Damit würde sie zweifelsohne in Konkurrenz zu ihrer früheren Konzernmutter DB Bahn AG stehen, die sich – als Deutschlands größter Busbetreiber – ebenfalls auf den kommenden Wettbewerb vorbereitet. Denn bisher gibt es nur etwa 100 innerdeutsche Busfernlinien, was sich nicht nur mit dem gut ausgebauten Schienennetz erklären lässt. Die eigentliche Ursache ist das seit 1934 geltende Personenbeförderungsgesetz (PBefG), dass der Bahn praktisch ein Monopol für innerdeutsche Fernlinien sichert – auf der Schiene wie auf der Straße. Demnach wurden bisher Busfernlinien durch private Betreiber nur genehmigt, wenn die Bahn keine Alternative zu bieten hatte oder durch das neue Angebot zumindest eine wesentliche Verbesserung (§ 13 Abs. 2 PBefG) in Aussicht gestellt wurde. Das ehemals staatliche Unternehmen übte und übt sein Vetorecht konsequent aus und macht damit manch pfiffige Idee zunichte.

Erst infolge der Liberalisierung des Europäischen Binnenmarktes nahm die Politik auch das PBefG in Angriff, zunächst ohne gravierende Auswirkungen auf innerdeutsche Fernlinien. Jedoch wurde mit den Börsenplänen der Bahn über eine Deregulierung diskutiert, wie sie auch im Koalitionsvertrag der schwarz-gelben Regierung festgehalten ist. Bewegung in die starre Situation brachte das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 26. April 2010 (Az. 3 C 14.09), wonach bereits ein deutlicher Preisvorteil zu vorhandenen Bahnverbindungen eine „wesentliche Verbesserung“ darstellen kann. Gefragt werden Angebote sein, die preislich günstiger sind und möglicherweise einen besseren Service als die Bahn bieten (BC). Darüber hinaus versprechen Fernbuslinien Erfolg, die Mittelstädte einbinden, die vom Intercityverkehr der Bahn nicht angefahren werden.

Vorteile ergeben sich auch für ältere Reisende, die in der Regel die Strapazen des Umsteigens scheuen. Dass es Nischen gibt, hat die Touring mit der Strecke Mannheim – Hamburg bewiesen, die nur 11 Haltepunkte bedient, inklusive der Flughäfen Frankfurt, Hannover und Hamburg. Neun Stunden dauert die Gesamtstrecke, nur neun (bis 49) Euro kostet das Online-Ticket, wenn es mit Vorlauf gebucht wird. Die Nachtlinie befördert jährlich 25.000 Fahrgäste. Eine erfolgversprechende Idee hatte auch die Bohr Omnibus GmbH umgesetzt: Mit den Linien zwischen den Flughäfen Frankfurt und Hahn sowie von den Hauptbahnhöfen Köln über Koblenz bis Hahn. Es gibt noch weitere Beispiele, wobei stets eine „sichere“ Lücke im Angebot der Bahn gefunden wurde. Doch künftig ist echter Wettbewerb angesagt. Denn mittlerweile hat das Verkehrsministerium einen Entwurf zur Überarbeitung des PBefG erstellt. Gerechnet wird mit der Freigabe der Fernlinien Anfang 2012. Offen ist, wie die Änderung umgesetzt werden soll. Drei Richtungen sind denkbar: Völlige Freigabe, zwar mit Anzeigepflicht, doch im offenen Wettbewerb; limitierte Genehmigungen für mehrere Anbieter; Exklusiv-Genehmigung für nur einen Betreiber.

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Touring-Chef van Heel favorisiert den freien Wettbewerb. „Das beste Angebot wird sich durchsetzen!“ Demnach könnte es künftig durchaus vorkommen, dass attraktive Fernlinien von mehreren Anbietern parallel betrieben werden. Welche Voraussetzungen ein Unternehmen mitbringen muss, um Subunternehmer der Touring zu werden, kann van Heel schnell aufzählen: Verständnis für Sicherheit, Qualität und Service sowie einen Fuhrpark mit festem Erneuerungs-Zyklus. Welche Vorteile eine Zusammenarbeit bieten kann, ist für den Touring-Chef ebenfalls klar: Kleine bis mittlere Unternehmen hätten – bei voller Liberalisierung – allein kaum eine Chance, im Fernliniengeschäft zu bestehen. Ein Subunternehmer profitiere von einer erfahrenen Organisation und einem bewährten Ticketingsystem – wobei das Internet mit über 40 Prozent Anteil den wichtigsten Vertriebskanal darstelle. Darüber hinaus könne ein Subunternehmer mit festen Einnahmen rechnen, wobei der Grundsatz, 30 bis 40 Prozent unter den Bahnpreisen zu bleiben, einen Anhalt gibt. Chancen für kleinere Busunternehmen sieht die Touring z. B. in Form von Zubringerlinien, um die Auslastung von Fernlinien zu gewährleisten.

ABSCHLIESSEND: Wettbewerb ohne Rücksicht auf Verluste? Wenn es nach der Touring geht, ja! Ob sich die Deutsche Bahn AG mit ihrem bestehenden Netz dem anschließt? Wohl eher der finanzkräftige Branchenriese Veolia Transdev oder andere Global Player. Welche Rolle dabei der Mittelstand tatsächlich spielen kann, wird sich noch zeigen müssen.


Europaweites Fernliniennetz
1948 gegründet, war die Deutsche Touring (Hauptsitz ist Frankfurt) bis 2005 eine Tochter der Deutschen Bahn AG. Seit dem Verkauf ist die spanische Ibero Eurosur S.L. – ein spanisch-portugiesisches Konsortium von Unternehmen mit Schwerpunkt Busfernlinien – Mehrheitseigner. Seit 1989 gehört die Touring zum Verbund der Eurolines, wodurch ein europaweites Fernliniennetz mit aktuell 130 Buslinien und 700 Zielen in 32 Ländern angeboten werden kann. 2010 wurden 1,5 Mio. Passagiere
befördert und 30,6 Mio. Kilometer absolviert. Der Umsatz lag bei 45,4 Mio. Euro. Über die Touring Tours & Travel GmbH wird zudem Miet- und Reiseverkehr sowie Incoming betrieben.
  (jl / kb)

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