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28. Tag des Bustourismus
Stoppt Kaviar den Silber-Knick?
Mit welchen Angeboten lässt sich die wachsende Zahl von Senioren wieder stärker für eine Busreise gewinnen? Diese Frage wurde auf dem Tag der Bustouristik in Essen diskutiert.

Senioren von heute lieben Kaffeekränzchen – aber wird das auch für die Senioren von morgen gelten?
„Als ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal vom Tag der Bustouristik hörte, wusste ich gar nicht, was sich hinter diesem Begriff verbirgt“, schmunzelte Hannes Staggl, RDA-Vorstandsmitglied und Hotelier in Imst/Tirol, als er im Colosseum Theater Essen sein Statement abgab. „Ich dachte, das sei so etwas Ähnliches wie der Muttertag und die Bustouristik würde die Kunden mit besonderen Angeboten locken.“ Inzwischen wisse er jedoch, dass es sich beim Tag der Bustouristik um eine Veranstaltung handle, auf der man Jahr für Jahr viel Neues lernen könne. Und in der Tat, auch der 28. Tag der Bustouristik, legte die Finger – mal diskret, mal provokant – auf so manche neue und alte Wunde der Branche.
Unter dem Motto „Gaumenkitzel statt Seniorenteller“ hatte Dieter Gauf, Hauptgeschäftsführer des RDA und Spiritus Rector des Tages der Bustouristik, am 11. Januar 2010 zum Branchen-Kick-off ins Essener Musicaltheater geladen. Dazu RDA-Präsident Richard Eberhardt: „Seniorenreisen sind unser wichtigster Markt. Doch obwohl der Anteil der Senioren an der deutschen Bevölkerung rapide zunimmt, stagniert deren Marktanteil in der Bustouristik.“
Fakt ist: Der Anteil der über 60-Jährigen an der Gesamtzahl der Reisegäste nimmt zwar zu, doch davon kann der Bus überraschender Weise nicht mehr profitieren: Der Anteil der Senioren an den Busreisegästen insgesamt sinkt sogar seit einigen Jahren leicht. Im Jahr 2000 wurden laut Angaben des RDA 21 Prozent der Seniorenreisen mit dem Bus durchgeführt, 2005 waren es noch 19,5 Prozent, und 2009 sank der Anteil auf 18,8 Prozent. „In unserer wichtigsten Zielgruppe haben wir es nicht geschafft, im gleichen Maße am Gesamtwachstum zu partizipieren wie die anderen Verkehrsmittel. Wir müssen den Ursachen dieses Silber-Knicks nachgehen und fragen, woran das liegt“, betonte Gauf in Essen.
Allerdings: Die Zielgruppe 60-plus – und darunter vor allem Alleinstehende - bleibt nach wie vor die mit Abstand wichtigste Klientel für die Bustouristik. „Bei Single-Seniorenreisen liegt der Anteil des Busses sogar bei über 33 Prozent“, steckte Gauf die Bedeutung dieses Marktsegments ab. Zum Vergleich: Der Anteil des Verkehrsmittels Bus an allen touristischen Reisen liegt nur bei rund neun Prozent. 62,2 Prozent aller Busreisegäste sind über 60 Jahre alt.
Die Gründe für den relativen Zurückgang des Bus-Anteils sind ebenso vielschichtig wie diffus. Zum einen ist die Konkurrenz durch Bahn und Flugzeug zu nennen. RDA-Präsident Richard Eberhardt etwa meint, dass die Senioren von heute andere Reisebiografien hätten als noch deren Eltern. „Die Rentner von heute waren schon überall, sie kennen schon fast alles – nicht nur viele Attraktionen in Europa, sondern auch die chinesische Mauer.“ Hinzu komme, dass die so genannten Best Ager inzwischen auch im Umgang mit dem Internet geübt sind, wie Prof. Harald Bartl von der FH Worms ganz richtig ergänzt. Nur beim Thema Buchen seien viele Senioren noch etwas zurückhaltend.
Auch Hermann Meyering, Busunternehmer und Geschäftsführer der Reise-Allianz GmbH, sagte: „Tradierte Angebote mit Bus, Hotel, Landschaft und vielleicht mit irgendeinem Eintritt genügen schon lange nicht mehr!“ Die modernen Senioren wünschten sich Aktivitäten wie Tanz- oder Kochkurse oder auch ein PC-Einsteigerkurs. Anders gesagt: Sie wollen Flexibilität vor Ort: „Ein Gast nutzt jeden Tag den Hotel-Schwimmbad, ein anderer leiht sich lieber das hoteleigene Fahrrad aus“, so Meyering.
Der RDA jedenfalls will dem Seniorenreise-Markt noch mehr Beachtung schenken als bisher. „Die Berliner Erklärung, die wir vor neun Monaten als erster Verband der Tourismusbranche unterzeichnet haben, war ein erster Schritt dazu“, meint Gauf. Doch weitere, allen voran rund um die Ausstattung des Omnibusses müssten folgen. Als Beispiel nannte der Kenner der Branche die Bustoilette. „Warum muss das Bord-WC immer in der Mitte des Busses untergebraucht sein. Kann es nicht auch im Heck des Busses platziert werden“, fragte sich der Hauptgeschäftsführer des RDA schon auf einem Pressegespräch unmittelbar vor dem Tag der Bustouristik. Gerade im Heck des Busses sei ein viel leichterer Zugang in die Toilette möglich als bei konventionellen Lösungen. Eventuell müssten künftig Busse auch mit Hebeliftanlagen für Rollstuhlfahrer ausgerüstet sein, meint Richard Eberhardt. Nicht ganz so weit wie will offenbar Meyering gehen, aber auch der profilierte Unternehmer aus Pforzheim fordert klipp und klar: „Bequeme Einstiege, geräumige Toiletten, keine Superhochdecker!“
Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenverbände (BAGSO), die mit mehr als 100 Senioren-Verbänden und -Vereinen rund 13 Millionen Senioren in Deutschland vertritt, und gleich mit zwei Repräsentanten auf dem Tag der Bustouristik vertreten war, legte noch einmal eindrucksvoll dar, welches Marktvolumen sich hinter dem Begriff 60-plus verbirgt und welche Auswirkung das auch als „Methusalem-Komplott“ bezeichnete Phänomen der Vergreisung der Gesellschaft hat: Die Deutschen werden immer älter, bereits 2050 werde es z.B. 118.000 100-Jährige in Deutschland geben.
Mit Nachdruck warb Wolfgang Haehn, Vorsitzender des Fördervereins der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO), für den seniorengerechten Bus, der Rollstühle ebenso aufnimmt wie Rollatoren und transparente Ablagefächer besitzt („Damit der Gast den Regenschirm nicht vergessen kann.“): der Einstieg ist extrabreit und bequem, mit Handläufen links und rechts ausgestattet, innen taghell beleuchtet, besitzt einen breiten Gang, jeder Sitzplatz hat zwei Armlehnen, eine Lordosenstütze und ist mit separaten Leselampen ausgestattet, die Sitzabstände sind so breit, dass der Reisegast nicht (mehr) aufstehen muss, damit sein Nachbar an seinen Platz kommt, es gibt ausklappbare Multifunktionsbildschirme in der Arm- oder Rückenlehne, und ganz hinten – fast schon klar – befindet sich die Bus-WC. Skeptikern trat Wolfgang Haehn in Essen entschieden entgegen: „Das wird alles kommen. Schließlich hätte vor ein paar Jahren auch niemand gedacht, dass das Ruhrgebiet mal Kulturhauptstadt wird.“
Haehnes Mitstreiterin, Dr. Barbara Keck, Geschäftsführerin der BAGSO Service GmbH, legte den Zuhörern anhand von Beispielen überraschend konkret dar, wie Seniorenreisen ihrer Mitgliedesverbände planen, anbieten und durchführen. Der „Reiseklub“ der ostdeutschen „Volkssolidarität“ z.B. kaufe seine Reisen zentral bei einem Veranstalter ein, der nach außen hin nicht in Erscheinung tritt. Die der Kirche nahe stehende Kolping-Vereinigung organisiere ihre Seniorenreisen über mehrere Landesverbände und setzt dabei sehr stark auf Busreiseveranstalter. Ähnliches gelte für den VdK. Die Naturfreunde e.V. wiederum organisieren keine Reisen selbst, besitzen aber sehr viele Naturfreunde-Häuser. „Die gruppenfreundlichen Unterkünfte können von Busunternehmern in ihr eigenes Programm aufgenommen werden. Eine Riesenchance: Denn so kommen sie auch direkt an die Mitglieder der Naturfreunde heran, um diese als Kunden zu gewinnen.“
Nicht fehlen durfte bei der Debatte vom 11. Januar die erneute Feststellung, dass es sich bei der Zielgruppe der Senioren nicht um einen einheitlichen, quasi monolithischen Block handelt. Vielmehr, so Dieter Gauf noch während der Pressekonferenz, seien wenigstens drei Zielgruppen zu unterscheiden: 1. die jungen Fitten, die keinesfalls als Senioren angesprochen werden wollen, aber gerne mit Gleichgesinnten verreisen, 2. die klassische, eher konservative Gruppe der Senioren (die dem bisherigen Bild vom Begriff „Senior“ entsprechen) und 3. die gebrechlichen und hilfsbedürftigen Menschen, die abwechslungsreiche Programme und spannende Inhalte suchen. „Es muss der Branche gelingen, den Spagat zwischen dem Café de la Paix in Paris und dem Café Heino in Bad Münstereifel hinzukriegen“, forderte Gauf denn auch wiederholt in Essen.
Quasi als „Überraschungsgast“ hatte Dieter Gauf übrigens Klaus Brähmig, den neuen Vorsitzenden des Bundestags-Ausschusses für Tourismus geladen. Der engagierte CDU-Politiker aus Sachsen versprach, dass er sich nachdrücklich dafür einsetzen werde, die diversen Ausnahmeregelungen bei den Umweltzonen bundesweit zu vereinheitlichen und den Reisebus möglicht von den Einfahrtbeschränkungen auszunehmen: „Ich verspreche Ihnen, dass ich mich persönlich dafür einsetzen werde, den Reisebus generell von Einfahrtbeschränkungen auszunehmen.“
Richard Eberhardt wies in der folgenden Podiumsdiskussion darauf hin, dass der Bus schon heute das ideale Verkehrsmittel vor allem für die älteren Menschen sei. Ein Vorteil des Reisebusses sei z.B. die Abholung von zuhause, es gebe keinerlei Transfer- und Umstiegsprobleme. „Das Abholen Ihrer Gäste von zuhause, ist Ihre große Chance“, sagte Haehne an die Adresse der Busunternehmer. „Ein Flugzeug von Air Berlin kann nicht auf dem Hausdach landen, und die Bahn kann nicht in Ihre Tiefgarage fahren – aber ein Omnibus kann seine Gäste von Zuhause abholen!“
Während Prof. Harald Bartl darauf beharrte, dass Dr. Barbara Keck, Geschäftsführerin der BAGSO Service GmbH, „doch ganz schön keck“ sei, weil sie darauf hingewiesen habe, dass ihre Mitgliedsverbände auch selbst Busreisen veranstalten würden, erinnerte AvD-Verkehrssoziologe Alfred Fuhr - 2010 wird er übrigens selbst 50 Jahre alt - daran, dass Busunternehmer „ihre eigene Zielgruppe“ seien.
Text: Stephan Brummet; Foto: Katharina Kuban
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