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Unterwegs zur Weltausstellung EXPO 2010 in Shanghai
Aus dem Alltag eines chinesischen Reisebusfahrers?
Hua nimmt einen tiefen Zug aus seiner Zigarette, keine „Malbolo“ sondern Baoshan, die mit der roten Pagode drauf.
Wir stehen auf einem riesigen Parkplatz, ab hier dürfen nur Werksbusse fahren, dahinter zwei Checkpoints des Militärs, alle Fahrer sind überprüft – wir sind am größten Staudammprojekt Asiens, an den „Drei Schluchten“ am Yangtsekiang. Es ist so schwül und feucht, dass er kaum Wasser braucht, um die Frontscheibe von Fliegen mit der Bürste zu säubern, die rutschen fast von selbst runter.
Seit sechs Jahren fährt Hua nun schon Studenten und Besuchergruppen durch Ostchina – für die Universität von Wuhan. Das sei wesentlich entspannter als im Liniendienst früher zwischen Xia’an und Shanghai, schwärmt Hua.
Der Busfahrer ist drahtig, spricht zwei Brocken Englisch und freut sich, uns zu begegnen.
Es ist durchaus attraktiv, Bus zu fahren. Der Grundlohn von etwa 500-600 Yüan(das entspricht etwa 60 bis 80 Euro) ist es nicht, aber die Provisionen, mit denen er das eigentliche Geld verdient, macht er uns klar. Wenn seine Gäste Seide, Terrakotta Figuren oder andere Souvenirs kaufen, dann werden es schnell 3.000 bis 5.000 Yüan pro Monat.

Zum Arbeiten muss ein Busfahrer im Reiseverkehr allerdings oft erst Geld mitbringen. Viele Firmen verlangen beim Eintritt in die Firma 100.000 Yüan. Weshalb? Jährlich erhält ein Chauffeur in vielen Unternehmen die Summe von etwa 150.000 Yüan, um damit die Ausgaben für den Bus zu finanzieren, Diesel, Mautgebühren, kleinere Reparaturen, Strafzettel – größere Reparaturen ausgenommen. Hua muss sehen, wie er mit dem Geld klar kommt, wenn er gut ist, hat er am Ende etwas übrig, wenn nicht, zahlt er drauf. Und die 100.000 Yüan bleiben als Sicherheit beim Unternehmer.
Hua ist froh über seinen Job, weil ihm die Universität Wuhan immer wieder ausländische Fahrgäste beschert, die gerne einkaufen. Das schlägt sich auch im Mietpreis für einen Bus nieder, erzählt er.
Vor 20 Jahren seien die ersten Japaner als Touristen ins Land gekommen. Sie hätten irrsinnig viel gekauft, weil alles so billig war, so dass damals viele Unternehmen die Busse kostenlos vermietet hätten, berichtet Hua. Die Provisionen für die Shopping Touren brachten soviel Geld, dass der Tagessatz für den Bus kaum eine Rolle spielte. Bei chinesischen Gästen hingegen ist das anders, die kaufen weniger, kennen die Preise und zahlen heute pro Tag für den Bus wesentlich mehr, etwa 1.000 bis 1.500 Yüan pro Tag.
So wie in China Auto gefahren wird, liegt die Frage, wie ein Fahrer zu einem Führerschein kommt, sehr nahe. Den Schein zu machen, ist eigentlich nicht schwer, nach drei bis vier Jahren PKW Führerscheinbesitz darf man den Busschein machen, wir haben sogar Verkehrsübungsplätze gesehen, wo Busse und LKW rangieren üben, unter Brücken und Leitungen hindurch fahren – wenn’s hilft?
Immerhin muss ein Busfahrer jedes Jahr einmal zum Doktor und mit 60 Jahren ist Schluss. Interessant, dass es auch bei PKW Fahrern eine Obergrenze gibt, die bei 70 Jahren liegt, jedoch nicht weiter auffällt, da unabhängig vom Alter alle fahren als wären sie blind, taub und völlig vergreist.
Natürlich schwärmt er vom roten Bus und macht eine abfällige Handbewegung, wenn man auf einen „Higer“, „Golden Dragon“ oder „King Long“ deutet. Neoplan und „Ankan“, das lizenzierte Setra-Label sehen wir ganz oft in Ostchina, 200er und 300er Setra als Schlafbusse, die zwischen vielen chinesischen Städten auf der Langstrecke verkehren. Interessanterweise kann in den meisten chinesischen Provinzen jeder, der eine Art Unternehmerprüfung für die Personenbeförderung abgelegt hat, ohne weiteres Liniendienste anbieten, auch mit einem einzigen Fahrzeug und ohne nennenswerte Einschränkungen. Für Europäer gewöhnungsbedürftig, aber abgesehen davon dass Lenkzeiten keine Rolle spielen, es keine Tachographen gibt, loben z.B. Rucksackreisende aus den USA, die wir treffen, die Zuverlässigkeit und das einfache und günstige Buchen im Busfernverkehr.
Hua bittet uns in seinen Bus, lässt mich am Lenkrad Platz nehmen, ich fahre eine Runde über den Parkplatz mit dem Yaxing.
Zunächst wundere ich mich, dass die Schaltkulisse genau anders herum angeordnet ist, 1.und 2.Gang dort, wo im Bus bei uns der 5. und 6.Gang liegen.
Für das Kupplungspedal brauche ich wieder richtig Kraft, nix druckluftunterstützt, aber bequem zu lenken.
Hua schaut auf die Uhr, nicht ohne noch einmal Platz am Lenkrad des 415 HDH zu nehmen, reckt den Daumen und ist einfach nur begeistert. Seine Gäste werden gleich zurückkommen, er leert noch eben schnell die Mülleimer, für die Scheibenreinigung bleibt kaum noch Zeit, ist bei dieser Hitze auch wirklich kein Vergnügen, ist auch nur noch ein kurzer Transfer nach Yichang, keine 30 Kilometer entfernt ins Hotel, direkt am Yangzi.
Eine halbe Stunde später überholt er uns laut hupend, 20 lächelnde Gesichter an den Seitenscheiben – trotz Blattfederung.
Text und Fotos: Wolfram Goslich
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